Aktiensteuer, Abgeltungsteuer – was kommt danach?

Aktionär*innen müssen Steuern zahlen. Tendenz steigend, wenn es nach Bundesfinanzminister Scholz geht. Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) erklärt im Interview mit Jessica Schwarzer, wie es geht und was auf uns zu kommen könnte.

Jessica Schwarzer: Als Anleger*in muss ich Steuern zahlen, welche?
Marc Tüngler: Die 25-prozentige Abgeltungsteuer fällt sowohl auf Dividenden als auch auf realisierte Kursgewinne an. Hinzu kommt der Solidaritätszuschlag – 5,5 Prozent der Kapitalertragsteuer, der ja auch zukünftig für Kapitalerträge nicht abgeschafft werden soll – und gegebenenfalls Kirchensteuer (8 oder 9 Prozent der Kapitalertragsteuer). Es gibt allerdings einen Freibetrag, für Ledige 801 Euro und für Verheiratete 1602 Euro pro Jahr.

Wie funktioniert das konkret? Muss ich meine Dividenden, Kursgewinne und Zinsen in der Einkommenssteuer angeben?
Da die Abgeltungsteuer eine Pauschalsteuer ist, wird sie direkt von der Bank einbehalten und an den Fiskus überwiesen. Wer einen persönlichen Steuersatz hat, der unter 25 Prozent liegt, kann mit der sogenannten „Günstigerprüfung“ die steuerliche Belastung entsprechend senken, muss dann allerdings seine Kapitalerträge in der Steuererklärung angeben.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will die Abgeltungsteuer abschaffen, was kommt dann?
Wenn es nach Herrn Scholz geht, sollen Kapitalerträge mit dem persönlichen Steuersatz versteuert werden. Nicht nur, dass das für viele Anleger*innen eine deutliche Steuererhöhung auf Erträge bedeuten würde, die in der Regel mit bereits einmal versteuertem Geld erzielt wurden. Hinzu kommt, dass Dividenden bereits jetzt doppelt besteuert werden. Einmal auf Unternehmensebene, einmal auf Aktionärsebene. Eine Versteuerung mit dem persönlichen Steuersatz könnte hier zu einer Gesamtsteuerbelastung von deutlich über 50 Prozent führen.

Wäre das gut oder schlecht für mich als Anleger*in?
Das wäre eindeutig schlecht und egal, wie man es wendet und dreht, es ist in keinem Fall eine Verbesserung.

Schlagzeilen hat zuletzt auch die Kapitaltransaktionssteuer, kurz Aktiensteuer gemacht. Was ist das?
Das ist ebenfalls eine Idee aus dem Scholz´schen Horrorkabinett. Ursprünglich sollte mit einer solchen Steuer europaweit der Handel mit hochspekulativen Derivaten verteuert und damit erschwert werden. Was gerade mit Blick auf die Finanzkrise und ihre Folgen durchaus vernünftig war. Übrig geblieben ist eine reine Börsenumsatzsteuer, die alle Aktionärinnen und Aktionäre zu zahlen hätten, wenn sie Aktien von Unternehmen handeln, die an der Börse mehr als eine Milliarden Euro wert sind. Mit Eindämmung von Spekulationen hat das nun wirklich gar nichts mehr zu tun.

Du bist ein Kritiker dieser Aktiensteuer, warum?
Zur Kasse gebeten würden fast ausschließlich Privatanlegerinnen und -anleger, die eigenverantwortlich vorsorgen. Jede Eigeninitiative beim Thema Altersvorsorge wird unterdrückt und bestraft. Das sagt auch viel über die Denke in Berlin. Die gesetzliche Rente steht zunehmend unter Druck. Gleichzeitig ist die Bundesregierung aber nicht gewillt, neue Konzepte zu entwickeln und Ideen zu verfolgen, die den Bundesbürger*innen helfen und wie sie im Ausland auch funktionieren. Das ärgert mich sehr.

Werden Anleger*innen steuerlich eigentlich benachteiligt?
Ja. Gewinne aus Immobilienverkäufen können nach einer Spekulationsfrist von zehn Jahren steuerfrei vereinnahmt werden. Bei Aktien ist das nicht der Fall. Zudem unterliegen Dividenden einer Doppelbesteuerung. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass sich die steuerliche Situation für alle, die Geld anlegen, im Laufe der letzten Jahrzehnte immer weiter verschlechtert hat, egal ob sie nun in verzinsliche Anlagen sparen oder Aktien kaufen. So wurde der Sparerfreibetrag immer weiter zusammengestrichen. Bei den Aktien wurde die einjährige Spekulationsfrist abgeschafft und die Besteuerung von Dividenden Schritt für Schritt verschlechtert. Und geht es nach Herrn Scholz, wird sich diese Verschlechterung auf Kosten der Bundesbürger*innen weiter fortsetzen.

Danke für das Interview.

Marc Tüngler

Marc Tüngler

Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW)

Marc Tüngler ist seit 2011 Hauptgeschäftsführer der DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz). Wer ihm auf Facebook folgt, täglich den Wirtschaftsteil der Zeitung liest oder regelmäßig Hauptversammlungen und Börsentage besucht, hat das Gefühl: Er ist überall, immer im Auftrag der deutschen Aktionär*innen unterwegs. Er kämpft für die deutsche Aktienkultur und gegen die steuerliche Benachteiligung von Investoren und Investorinnen.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.

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