„Oft gibt es eine versteckte Altersarmut.“

Isolation, ungesunde Ernährung, Krankheiten – Altersarmut hat viele Gesichter. Dagmar Hirche vom Verein „Wege aus der Einsamkeit e.V.“, kennt und erlebt sie täglich. Warum ist Altersarmut so ein großes Thema in einem reichen Land wie Deutschland? Was können wir dagegen tun?

Die Angst vor Altersarmut ist vor allem bei Frauen groß. Und leider auch begründet. Sie sind öfter betroffen als Männer, weil sie weniger verdienen, weniger vorsorgen können und dadurch weniger Rente bekommen. Fehlt im Alter das Geld, hat das viele Folgen. Vereinsamung ist eine davon und weit verbreitet. Dagmar Hirche hat 2007 den Verein „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ mitgegründet, dessen Vorstandsvorsitzende sie auch ist. Der Verein will das Image des Alters verbessern und Projekte ins Leben rufen, die Menschen 65plus aus der Einsamkeit holen. Ein Interview über Altersarmut, ihre Auswirkungen und mögliche Wege aus dem Dilemma.

Jessica: Altersarmut ist ein Schreckgespenst für die jüngere Generation, wie real ist das Thema heute schon?

Dagmar Hirche: Auch heute haben wir schon Altersarmut. Oft gibt es eine versteckte Altersarmut, weil sich die Menschen völlig unbegründet schämen und keine Hilfe in Anspruch nehmen. Viele Frauen haben in traditionellen Ehen gelebt, sich um Kinder und Haushalt gekümmert und so nicht selbst für die Rente eingezahlt. Aber auch einfache Tätigkeiten, die schlecht bezahlt werden, Teilzeitjobs, Arbeitslosigkeit oder Krankheit haben zur Altersarmut geführt und werden weiter dazu führen. Geld zum Sparen oder Anlegen, um für den Lebensabend vorzusorgen, fehlt einfach oft.

Warum ist Altersarmut so ein großes Thema in einem reichen Land wie Deutschland?

Die große Arbeitslosigkeit nach der Wende und die negative Entwicklung der Renten in den letzten Jahren, steigende Mieten, Strom und andere Nebenkosten, die stark nach oben gehen sind Beispiele. Altersarmut ist aber nicht nur eine große Herausforderung in Deutschland. Eine Grundsicherung für alle im Alter, die sich dann nach Arbeitsjahren und Verdienst erhöht –  Österreich könnte in diesem Fall ein Beispiel für uns sein.

Welche Folgen hat Altersarmut ganz konkret?

Das sind Isolation und Einsamkeit, weil man kein Geld für Freizeitaktivitäten hat, Scham, Wut und Enttäuschung darüber, dass man arm ist, obwohl man sein Leben lang gearbeitet hat. Die Betroffenen trauen sich oft nicht mehr aus der Wohnung. Krankheiten werden nicht mehr ordentlich behandelt, weil sogar an Medikamenten gespart wird und die Wohnungen werden nicht mehr richtig geheizt, weil das Geld dafür nicht reicht. Dazu ungesunde Ernährung, Depressionen und viele Krankheiten.

Wo finde ich als Betroffene*r Hilfe?

Auf jeden Fall erstmal beim Sozialamt. Es ist meist eine große Hürde, dort Hilfe anzunehmen. Es gibt dort wie überall Mitarbeiter, die verständlich und hilfreich sind. Darüber hinaus gibt es soziale Verbände, VDK, Kirchen, Moscheen, Synagogen, Vereine, Wohlfahrtsverbände, Pflegestützpunkte, aber auch mal in die Büros der politischen Vertreter gehen, die oft Sprechstunden haben.

Wie helfen Sie bei „Wege aus der Einsamkeit“?

Bei uns dreht sich seit zwölf Jahren alles um das Alter. Wir besetzen das Alter ausschließlich positiv und wollen, dass alle Menschen über 65 bei Interesse teilnehmen können. Egal, ob reich oder arm. Daher bieten wir all unsere Veranstaltungen kostenfrei an. In Kneipen, Clubs und Cafés gibt es immer eine Runde auf unsere Kosten, damit jeder ein Glas oder eine Tasse vor sich hat. Wir übernehmen Eintrittsgelder, laden zum gemeinsamen Mittagessen ein und all unsere Schulungen beim Umgang mit Smartphone und Tablet sind kostenfrei. Wir finanzieren uns ausschließlich über Spenden, Förderungen vom Staat bekommen wir keine.

Was kann man gegen Altersarmut als gesellschaftliches Phänomen tun?

Ich glaube, dass wir ein ganz neues System brauchen. Einfach gesagt! Allerdings fehlt mir das Fachwissen, um wirklich praktikable Lösungen zu nennen. Ein Weg wäre eine Grundrente, da so jeder Mensch in Deutschland eine Einnahme hat, die die Grundbedürfnisse decken würde. Hohe Verwaltungsaufwendungen in den Behörden durch Prüfungen, Genehmigungen und Bürokratie würden entfallen. Es müssten alle, die arbeiten, in ein System einzahlen.

Was noch?

Das Thema bezahlbares Wohnen wird in unserer Gesellschaft eine immer größere Priorität bekommen, da Wohnraum für viele kaum noch finanzierbar ist und so auch in der Jugend nichts fürs Alter gespart werden kann. Das Thema Pflege wird auch eine der größten finanziellen Herausforderungen der Zukunft werden. Hier muss es neue, zukunftsweisende Ideen geben, weil auch Pflegekosten in die Armut führen

Was kann jede*r einzelne gegen Altersarmut tun? Wie kann ich vorbeugen?

Ich finde es immer sehr schwer, anderen zu sagen, was sie tun müssen. Es gibt so viele verschiedene Aspekte und Lebenssituationen, die das Vorbeugen erschweren oder sogar verhindern: unvorhersehbare Krankheiten, Unfälle, Familiensituationen ändern sich drastisch, Arbeitslosigkeit, befristete Arbeitsverträge. Wenn man es sich leisten kann, ist zum Beispiel Wohnungseigentum ein Weg, um vorzusorgen. Lebensversicherungen hingegen sind sehr vage. In meinem Fall sind beispielsweise die Vorhersagen, die beim Abschluss vor 40 Jahren in meinen Verträgen standen, um 60 Prozent gesenkt worden. Ich musste oft sehr viel anpassen, was mir aber finanziell möglich war. Dies können sich aber viele Menschen gar nicht leisten. Jeder sollte versuchen, auch mit kleinen Beträgen vorzusorgen und das so früh wie möglich.

Frau Hirche, danke für das Interview.

Dagmar Hirche

Dagmar Hirche

Gründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“

Dagmar Hirche, geboren 1957, hat Betriebswirtschaft studiert und viele Jahre in Führungspositionen im Mittelstand gearbeitet. 2007 hat sie den Verein „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ mitgegründet, dessen Vorstandsvorsitzende sie auch ist.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.

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