„Die Realität von Alleinerziehenden muss mehr ins Bewusstsein der Entscheider rücken“

Die Autorin und Journalistin Christine Finke (54) weiß, was es bedeutet, eine alleinerziehende und voll berufstätige Mutter zu sein. Seit 2011 teilt sie ihre Erfahrungen auf dem inzwischen mehrfach ausgezeichneten Blog „Mama arbeitet“. In ihrer Heimat Konstanz macht sie sich außerdem als Stadträtin für Familienpolitik stark.

Mit den finanz-heldinnen hat Christine Finke über finanzielle Herausforderungen von Alleinerziehenden gesprochen und verraten, was ihr geholfen hat.

finanz-heldinnen: Was sind aus Deiner Sicht die größten finanziellen Herausforderungen für Alleinerziehende?

Christine Finke: Da muss man leider ziemlich weit ausholen. Letztlich gibt es drei Hauptgründe, warum Alleinerziehende finanziell oft zu kämpfen haben. Zum ersten haben sie es extrem schwer auf dem Arbeitsmarkt. Sehr viele Alleinerziehende arbeiten überqualifiziert in unterbezahlten Jobs. Dazu werden sie auch steuerlich benachteiligt. Sie können zwar Steuerklasse II beantragen und bekommen dann einen Steuerentlastungsbetrag. Trotzdem werden sie grundsätzlich wie Singles besteuert. Und schließlich müssen sie viel zu oft um den Unterhalt kämpfen. Zahlt der Partner nicht, gibt es die Möglichkeit, einen Unterhaltsvorschuss beim Jugendamt zu beantragen. Der ist aber deutlich niedriger als der gesetzliche Mindestunterhalt, weil das Kindergeld hier voll abgezogen wird.

Wie können sich Alleinerziehende helfen? Was sind die wichtigsten Finanzfragen, die sie angehen müssen?

Sie müssen sich über staatliche Hilfe informieren und mögliche Zuschüsse beantragen. Außerdem ist wichtig, sich regelmäßig einen Finanzüberblick zu verschaffen. Und sie sollten die Altersvorsorge im Blick behalten – auch wenn das im trubeligen Hier und Jetzt oft ganz weit weg erscheint.

Gehen wir das doch mal durch. Punkt 1: Staatliche Hilfe.

Die hängt natürlich von der individuellen Situation ab. Bei einigen wird es um Arbeitslosengeld II – das kennt man als Hartz IV, also Leistungen zur Grundsicherung – gehen. Wer kein Arbeitslosengeld bezieht, kann Wohngeld beim Wohnungsamt beantragen oder einen Kinderzuschlag bei der Bundesagentur für Arbeit. Außerdem gibt es das Bildungspaket, über das man Zuschüsse zu Schulverpflegung, Schulausflügen oder Nachhilfe beantragen kann. Die jeweiligen Länder haben darüber hinaus noch unterschiedliche Fördertöpfe für die Kinderbetreuungskosten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich leider, dass es gar nicht so einfach ist, herauszufinden, was in konkreten Fall möglich und sinnvoll ist. Man muss sich wirklich gut informieren und hartnäckig bleiben. Es wäre ein Traum, wenn es in jeder Stadt eine Anlaufstelle für Alleinerziehende gäbe, die einem dabei helfen.

Du hast eben auch den steuerlichen Entlastungsbeitrag angesprochen. Was ist das genau?

Wer allein in einer Wohnung mit seinen Kindern lebt, kann die Steuerklasse II beantragen und darüber diesen Entlastungsbetrag erhalten. Bislang lag er bei 1.908 Euro pro Kalenderjahr und 240 Euro für jedes weitere Kind. Das Geld wird von den zu versteuernden Einkünften abgezogen. Das hat am Ende aber vielleicht um die 50 Euro mehr auf dem Gehaltszettel gebracht, mehr nicht.

Mitte des Jahres hat die Regierung den Betrag aufgrund der Corona-Krise auf 4.008 Euro angehoben. Zunächst für die Jahre 2020 und 2021. Das wirkt sich tatsächlich schon wesentlich stärker aus. Ich hoffe daher, dass die Regierung diese Maßnahme über die Coronazeit hinaus verlängert.

Daneben können Alleinziehende natürlich wie alle einen Teil der Kinderbetreuungskosten von der Steuer absetzen.

Was sollten Alleinerziehende in Sachen Finanzplanung beachten?

Das Wichtigste ist, sich einen genauen Überblick zu verschaffen, wie viel Geld man tatsächlich zur Verfügung hat und wo man eventuell noch sparen kann. Ist das Netflix-Abo wirklich notwendig? Gibt es einen günstigeren Mobilfunkvertrag? Ich habe mich damals wirklich einen kompletten Vormittag hingesetzt und mir die Kontoauszüge eines ganzen Jahres angesehen.

Kommen wir zur Altersvorsorge. Die ist ja generell für Frauen wichtig.

Das stimmt. Und das ist Alleinerziehenden glaube ich auch viel bewusster als Frauen in einer festen Partnerschaft. Hier ist leider oft das Problem, dass am Ende des Tages einfach die Kraft fehlt, sich auch noch mit Riester und Co. auseinanderzusetzen. Man sollte das aber tun. Selbst, wenn man nur kleine Beträge abzwacken kann. Es ist einfach sinnvoll, möglichst frühzeitig regelmäßig für das Alter zu sparen.

Gibt es typische Fallstricke für Alleinerziehende?

Manche Frauen denken, dass es ganz praktisch ist, mit einer Freundin zusammenzuziehen, die auch alleinerziehend ist. Das ist im Alltag bestimmt auch hilfreich. Es kann dann aber passieren, dass das Finanzamt die Steuerklasse II verweigert, weil die Frau ja nicht alleine mit ihren Kindern wohnt. In dem Fall müssen die Mitbewohnerinnen genau nachweisen können, dass sie zwei getrennte Haushalte führen – und das ist aufwändig.

Ein ganz anderes Risiko ist, dass man bei allem Planen sich selbst vergisst. Es gibt Studien, nach denen Eltern grundsätzlich mehr für ihre Kinder ausgeben als für sich. Das ist erst recht bei Alleinerziehenden so. Da verkneift man sich lieber den eigenen Frisörbesuch, um noch mehr für die Kinder zu haben. Ich glaube, an der Stelle muss man ab und an auch mal gnädig mit sich sein.

Du setzt Dich schon sehr lange dafür ein, dass die Situation für Alleinerziehende besser wird. Was wünschst Du Dir?

Dass die Entscheider in der Politik die Realitäten von Alleinerziehenden besser kennen und berücksichtigen. Was diskutiert und entschieden wird, geht oft an unserem Alltag vorbei. Ein Beispiel: Die Notbetreuung während der Coronakrise wurde Alleinerziehenden in Teilen Bayerns zunächst versagt, wenn die Partner gemeinsames Sorgerecht hatten. Dabei ist es doch de facto dennoch in der Regel immer nur einer der Partner, der sich dann im Alltag um die Kinder kümmert und zu Hause bleiben muss.

 

Vielen Dank für das Interview!

Christine Finke teilt ihre Erfahrungen auf ihrem Blog „Mama arbeitet“

Buchtipps

  • In ihrem Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“ (E-Book, Lübbe Verlag, 240 Seiten, 11,90)  benennt Christine Finke Schwachstellen und Ungerechtigkeiten im Alltag von Alleinerziehenden und sagt, was sich dringend ändern muss, damit sie nicht länger alleine dastehen.
  • 2019 hat Finanztest Finkes „Finanzplaner Alleinerziehende“ herausgebracht, einen umfassenden Ratgeber zu Finanzplanung, staatlicher Hilfe, Altersvorsorge, Steuern und Unterhalt (160 Seiten, 16,90 Euro).

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