Prognosen

Der Sinn und Unsinn von Prognosen

Warum es sich lohnt, die Ausblicke der Anlageexperten auf das Börsenjahr 2019 zu lesen, auch wenn sie mit ihren Punktprognosen für Dax & Co. oft falsch liegen.

Schon Mark Twain wusste: „Prognosen sind eine schwierige Sache. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Das gilt auch und vor allem für die Börse. Das hält Chefökonomen und Anlagestrategen von Banken und Vermögensverwaltern nicht davon ab, pünktlich zum nahenden Jahresende die Bleistifte zu spitzen, ganz tief in die Zahlenwelt einzutauchen, politische und wirtschaftliche Entwicklungen abzuwägen und zu rechnen. Herauskommen: die Prognosen für 2019! Genauer: Punktprognosen für den Dax und andere Aktienindizes.

Mitunter geht es zu, wie auf dem Jahrmarkt. 12.000, 13.000, 14.000 – wer bietet mehr? Was uns das als Anlegerinnen bringt? Herzlich wenig. Denn Studien zeigen immer wieder: Die Experten schaffen in den wenigsten Fällen eine Punktladung. Mit ihren Dax-Prognosen liegen sie mit schöner Regelmäßigkeit sogar ziemlich daneben. Und das gilt aber nicht nur für den Dax sondern auch für die unzähligen anderen Aktienindizes. Trotzdem lieben wir das muntere Orakeln kurz vor Jahreswechsel. Wir würden eben nur zu gerne wissen, was uns in den kommenden Monaten an den Märkten erwartet, wie hoch oder tief die Kurse steigen oder fallen. Wir lechzen geradezu nach der garantiert richtigen Empfehlung, wie wir unser Geld anlegen müssen, damit es möglich hohe Renditen bringt. Und wir möchten unbedingt wissen, ob und wann wir unser Geld besser in Sicherheit bringen sollten. Das Problem: Niemand hat eine Kristallkugel!

Oder um es mit dem legendären Peter Lynch zu sagen: „Niemand war je in der Lage, die Börse vorherzusagen. Es ist eine totale Zeitverschwendung.“ Überraschende Worte eines Mannes, der immerhin einer der erfolgreichsten Fondsmanager der Welt war. Mehr als zehn Jahre lang erzielte er mit seinen Fonds eine überdurchschnittliche Rendite von knapp 30 Prozent – und zwar Jahr für Jahr. Von Prognosen hielt er trotzdem nicht viel. Lynch setzte auf einzelne, attraktiv bewertete Unternehmen mit einem für ihn nachvollziehbarem Geschäftsmodell. Dabei streute er das Risiko extrem breit. Teilweise umfassten seine Portfolios mehr als 1000 Aktien gleichzeitig. Und weil er langfristig investierte, waren kurzfristige Prognosen für ihn sowieso irrelevant gewesen.

Denn das sind die Ausblicke der Experten für 2019: kurzfristig. Niemand würde uns Anlegern empfehlen, Aktien nur für ein Jahr zu halt. Das wäre auch viel zu gefährlich. Wer in Aktien investiert, sollte das langfristig tun, als für zehn oder mehr Jahre. Denn langfristig punktet die Anlageklasse, liefert sogar die höchsten Renditen überhaupt. Kurzfristig aber können die Kurse massiv schwanken, auch weil die Börse zu Übertreibungen neigt. Gerade in politisch oder wirtschaftlich unsichereren Zeiten, verlieren die Börsianer schon mal die Nerven. Meisten beruhigen sich die Gemüter recht schnell wieder, manchmal bricht aber auch Panik aus und es kommt zum Crash. Wer langfristig investiert, kann und sollte solche Phasen locker aussitzen. Wann es das nächste Mal soweit ist, weiß niemand. Auch die Profis nicht. An der Börse wird nicht zum Ausstieg geklingelt.

Warum die Jahresausblicke trotzdem lesenswert

Das wissen natürlich auch die Chefökonomen und Anlagestrategen bei den Banken. Trotzdem gegen sie ihre Prognosen Jahr für Jahr ab. Und auch wenn diese Punktprognosen eben selten zutreffen, sind ihre Ausblicke für uns Anlegerinnen absolut lesenswert. Dabei sollten wir uns nicht auf die prognostizierten Dax-Stände achten, sondern auf die Argumentationen, die dahinterstecken. In die Zukunft kann niemand schauen, aber dafür auf die Fakten. Wie stellen sich die Fundamentaldaten dar? Wie entwickelt sich die globale Wirtschaft? Braut sich wirklich ein globaler Handelskrieg zusammen? Stürzt Italien die Europäische Union in die nächste Schuldenkrise? Wie gestaltet sich die Politik der wichtigsten Notenbanken? Welche Ereignisse stehen im nächsten Jahr an? Das sind die Fragen, die wir uns stellen sollten – und nicht: Wo steht der Dax an Tag X? Hier liefern die Ausblicke viele Antworten oder doch zumindest Argumente dafür, ob sich die Börsenkurse im kommenden Jahr in die eine oder in die andere Richtung bewegen.

Mitunter können die Ausblicke aber auch irreführend sein. Das Jahr 2018 ist noch nicht vorbei, da kann noch einiges passieren. Aber die Bilanz für das vergangene Jahr liegt natürlich schon vor. Die Dax-Prognosen für 2017 waren eher verhalten. Die überwiegende Zahl der Banken, nach einer Erhebung der Sutor Bank nämlich 29 von 30, sahen den deutschen Aktienindex bei maximal 12.000 Punkten – und damit gut 1.000 Punkte unter seinen Schlussstand zum Jahresende. Hätten sich Anleger daran orientiert, wären sie dem Aktienmarkt mit größerer Skepsis als nötig begegnet. Die niedrigste Prognose lag übrigens bei 10.400 Punkten, die höchste bei 12.300 Punkten – eine Spanne von fast 2.000 Punkten. Auch das zeigt die Schwierigkeit der Punktprognosen. Wem soll ich denn nun glauben?

Oder um noch einmal Peter Lynch zu bemühen: „In der von Forbes veröffentlichten Hitparade der Reichen der Welt war noch nie ein Börsentiming-Experte vertreten.“ Timing bezeichnet den Versuch, immer zum richtigen Zeitpunkt ein- oder auszusteigen. Doch das gelingt so gut wie niemandem. Vor allem kurzfristig sind Prognosen an den Finanzmärkten sehr schwierig oder eben „Zeitverschwendung“. Wichtiger ist die langfristige Strategie des Anlegers. Nicht umsonst lautet eine alte Börsenweisheit: Time! Not Timing. Die sollten wir auch bei der spannenden Lektüre der Ausblicke nicht vergessen.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin, Moderatorin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht. Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.

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