Der deutsche Aktienmarkt: winzig und unbedeutend?

Es ist ein weit verbreitetes Phänomen: Anleger:innen haben vor allem den heimischen Aktienmarkt im Blick. Da sind die Bundesbürger:innen keine Ausnahme. Aber wie wichtig, wie groß ist der deutsche Aktienmarkt eigentlich? Bei weitem nicht so bedeutend, wie viele glauben, sagt Jessica Schwarzer.

„Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ heißt ein zugegebenermaßen recht plattes Sprichwort. Aber irgendwie ist da was dran, erst recht, wenn es um unser Anlageverhalten geht. Statistiken zeigen immer wieder: Wir investieren in die Unternehmen, die wir kennen. Und zwar in deutsche Unternehmen. Diese Heimatverliebtheit nennen Expert:innen „Home Bias“. Sie ist übrigens kein deutsches Phänomen. Die Deutschen investieren deutsch, die Amerikaner amerikanisch, die Franzosen französisch und so weiter und so fort.

Doch mit Blick auf die Risikostreuung ist der „Home Bias“ schwierig. Schließlich rechnen Expert:innen uns ziemlich beeindruckend vor, dass es sehr viel Sinn macht, die eigenen Investments breit zu streuen – über viele Unternehmen, Branchen und vor allem auch Länder. Investieren wir nur oder überwiegend deutsch, diversifizieren wir zu wenig. Trotzdem ist es verlockend, in die Aktien von Unternehmen zu investieren, die wir gut kennen, bei denen unsere Freunde arbeiten oder deren Produkte wir oft benutzen.

Aber wie gut kennen wir „unsere“ Wirtschaft überhaupt? Daimler baut nicht nur Autos, Bayer ist so viel mehr als der Aspirin-Hersteller, Siemens ist kein Haushaltsgeräte-Hersteller, sondern ein Mischkonzern mit Dutzenden Geschäftsbereichen. Zu behaupten, wir würden die Dax-Konzerne kennen, ist also etwas übertrieben. Wir müssten mindestens die Geschäftsberichte lesen, um halbwegs den Überblick zu haben. Tust Du das? Wenn nicht, bist Du in bester Gesellschaft. Denn das tun die wenigsten. Auch ich nicht.

SAP, Siemens & Co. sind an der Börse winzig

Überhaupt überschätzen wir die Bedeutung des heimischen Aktienmarktes komplett. Wir sehen die bekannten, global tätigen Unternehmen im Dax. Sie verdienen mitunter Milliarden. Sie erscheinen uns so wichtig, so erfolgreich und sogar marktbeherrschend. Im internationalen Vergleich sind sie aber oft nur noch halb so bedeutend.

Das zeigt auch der Blick auf den Weltaktienindex MSCI World. Im Index sind rund 1.600 Aktien aus 23 Industrieländern gelistet. Gewichtet werden die Unternehmen nach Marktkapitalisierung, also danach, wie viel sie an der Börse wert sind. Wenig überraschend landen auf den ersten Plätzen die Tech-Giganten Apple, Microsoft, Amazon, Facebook und Alphabet. Überraschend ist aber, dass das erste deutsche Unternehmen erst auf Platz 65 zu finden ist. Es ist Deutschlands nach Börsenwert größter Technologiekonzern SAP. International ist SAP aber eher ein Leichtgewicht – nach Marktkapitalisierung wohl gemerkt – und hat am Index nur einen Anteil von 0,25 Prozent. Noch viel weiter hinten folgen dann Siemens, die Allianz und BASF.

Nur knapp drei Prozent im MSCI World

Deutschlands Wirtschaft ist zwar die größte Volkswirtschaft Europas (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) und die viertgrößte weltweit. Aber unser Kapitalmarkt ist überschaubar, viele große deutsche Konzerne und die große Mehrheit äußerst erfolgreichen Mittelständler sind gar nicht börsennotiert. Und so kommt es, dass der deutsche Aktienmarkt eher winzig ist. Das spiegelt sich dann eben auch an der Zusammensetzung des MSCI World wider.

Wegen ihres hohen Anteils an der weltweiten Marktkapitalisierung sind die Vereinigten Staaten das mit Abstand wichtigste Land im Index mit einem Anteil von rund 67 Prozent. Mit deutlich geringeren Anteilen folgen Japan (sieben Prozent), Großbritannien (vier Prozent), Frankreich (drei Prozent) und Kanada (drei Prozent). Deutschland ist mit 55 Unternehmen im Index vertreten, kommt aber nur auf einen mickrigen Anteil von 2,8 Prozent.

In den Depots vieler deutscher Anleger:innen ist die Gewichtung heimischer Aktien aber sehr viel höher. Studien zeigen das immer wieder. Nun könnte man argumentieren, dass das nicht schlimm ist, schließlich machen die Unternehmen ihre Umsätze überall auf der Welt. Und damit profitieren ihre Anteilseigner:innen auch vom globalen Wachstum. Trotzdem sollten wir auch in anderen Ländern investieren. Die großen Tech-Konzerne finden wir beispielsweise an der Wall Street und immer öfter auch in Asien. Die überaus erfolgreichen Luxuskonzerne stammen aus Frankreich und der Schweiz. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen. Die deutsche Wirtschaft hingegen ist eher industrielastig. Schau deshalb bitte über den sprichwörtlichen Tellerrand: Investiere weltweit und vermeide eine falsche Heimatverliebtheit. Und Risikostreuung ist bekanntlich eine der wichtigsten Grundregeln der erfolgreichen Geldanlage. Und mitunter kann die Rendite im Ausland, vor allem an den US-Börsen, auch höher als hierzulande sein.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Deutschen investieren überwiegend deutsch. Diese falsche Heimatverliebtheit bremst die Risikostreuung aus.
  • Der deutsche Aktienmarkt ist nicht so wichtig und groß, wie wir glauben. Deutsche Aktien haben am MSCI World nur einen Anteil von 2,8 Prozent. Investiere weltweit und vermeide den Home Bias.
Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anleger:innen und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.
Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.

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