Digitalisierung der Finanzindustrie

Technik und Digitalisierung verändern täglich unsere Welt. Über die Entwicklungen in der Finanzindustrie spricht Dr. Carolin Gabor, Partnerin bei finleap, CEO von Joonko und Gründerin der Initiative fintexx in unserem Interview. Die Fintech-Expertin ist eine der drei Finalistinnen in der Kategorie Fintech / Money beim Digital Female Leader Award 2019.

finanz-heldinnen: Carolin, herzlichen Glückwunsch! Du bist eine der drei Finalistinnen der Kategorie Fintech / Money für den Digital Female Leader Award. Was bedeutet es Dir, unter den Nominierten zu sein?

Carolin: Es ist eine große Ehre für mich, für den Digital Female Leader Award nominiert worden zu sein und nun zu den drei Finalistinnen zu gehören. Ich war nie jemand, der wirklich gerne in der Öffentlichkeit steht, denke aber, dass es wichtig ist, Aufmerksamkeit zu schaffen und mehr talentierte Frauen zu ermutigen, in die Finanzbranche einzusteigen. Bei finleap haben wir es bereits geschafft, mit einem Anteil von über 50% eine hohe Frauenquote zu erzielen – dabei hat das Thema Rollenvorbild sicherlich auch einen großen Anteil gehabt.

Wie bist Du in der Finanzbranche gelandet und wann hast Du begonnen, Dich für fintech zu begeistern?

Ich habe mich nach dem Abitur für eine Bankausbildung entschieden. Studium war in der Familie erstmal nicht drin. Anschließend habe ich BWL studiert und 10 Jahre bei BCG in der Beratung mit Fokus auf Financial Services tätig. Dort konnte ich wichtige Erfahrungen sammeln, die mir auch heute noch in entscheidenden Situationen weiterhelfen. Allerdings muss ich gestehen, dass die Finanzbranche erst jetzt – auch aufgrund der digitalen Transformation – so richtig spannend geworden ist. Finanzprodukte sind Informationen und können somit zu 100% digital sein – an dieser Vision arbeitet finleap seit 5 Jahren.

Glaubst Du, die Finanzbranche macht es Frauen besonders schwer in Führungspositionen zu gelangen?

Gemäß Statistik ist die Finanzbranche eine der Branchen mit den schlechtesten Quoten: über 50% aller Einsteiger sind Frauen, im Top-Management sinkt die Quote dann auf zum Teil unter 5%.

Aus meiner Sicht bieten sich bei Fintechs deutlich bessere Chancen, um als Frau Karriere zu machen: hier gibt es oftmals keine Präsenzzeiten, die Teamstruktur ist deutlich jünger sowie internationaler und die Denkweise des Managements ist zudem häufig vorwärtsgerichteter als bei etablierten Finanzunternehmen.

Welchen Ratschlag hast Du für Frauen, die in Deiner Branche erfolgreich werden wollen?

In der Finanzbranche werden Frauen händeringend gesucht. Egal ob Fintech oder etabliertes Finanzunternehmen: nutze diese Chance und bewirb Dich auf Positionen, denen Du nur zu 60-70% gerecht wirst, um dann den Rest on the job zu erlernen.

Wir Frauen bewerben uns leider nach wie vor nur auf Rollen, die wir glauben zu 90% erfüllen zu können. Männer sind in diesem Punkt deutlich selbstbewusster – sie bewerben sich viel häufiger für Positionen, für die sie – wenn überhaupt – maximal 60% aller Skills mitbringen.

Was sind Deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für Frauen in Führungspositionen?

Gute Führung bedeutet viel Arbeit. Eigentlich sind wir dafür als Frauen richtig gut geeignet. Viele junge Frauen sind sehr ambitioniert, fleißig und empathisch. Ihnen sind die Unternehmenskultur und die Menschen, mit denen sie arbeiten, wichtig. Die neuen Generationen wünschen sich insbesondere einen empathischen Führungsstil. Meiner Meinung nach müsste es uns Frauen von Natur aus etwas leichter fallen als so manchem Mann, dem Ruf nach einem neuen und modernen Führungsstil gerecht zu werden.

Du hast das Netzwerk „fintexx“ gegründet, dass es Frauen in Führungspositionen aus ganz Europa ermöglicht, sich auszutauschen und zu fördern. Wieso glaubst Du, ist so ein Netzwerk wichtig?

Wir haben innerhalb unseres Netzwerks immer wieder festgestellt, dass wir an gleichen Themen – der Digitalisierung der Finanzindustrie – in der gleichen Stadt – Berlin, München, Frankfurt, London, Madrid, Amsterdam, Mailand, Zürich, Wien – arbeiten und uns dennoch nicht kennen.

Wir Frauen – vor allem mit Kindern – verzichten insbesondere auf die typischen Abend-Netzwerk-Termine. Das fintexx-Netzwerk soll daher Verbindungen schaffen und zu engen Kooperationen zwischen Banken und Fintechs sowie Versicherungen und Insurtechs beitragen.

Kannst Du uns von einer Frau erzählen, die einen besonderen Einfluss auf Dein Leben hatte?

Mich hat vor allem meine Großmutter sehr geprägt: sie war immer extrem fleißig, hat sich nie beschwert und hatte ein warmes Herz. Das habe ich immer sehr an ihr bewundert.

Um Erfolg zu haben, braucht es immer auch ein wenig Mut. Was würdest Du als Deinen mutigsten beruflichen Schritt bezeichnen?

Der mutigste Schritt war es, nach meiner Karriere bei BCG, als Mutter von zwei Kindern im Alter von 1 und 3, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und in der Digitalbranche als Geschäftsführerin einzusteigen, ohne einen blassen Schimmer von der Industrie zu haben und zu wissen, wie ich dort Wert schaffen kann.

Diese Herausforderung anzunehmen war ein Abenteuer, das sich gelohnt hat, denn letztendlich hat es ja doch ganz gut funktioniert (lacht).

Dr. Carolin Gabor

Dr. Carolin Gabor

CEO Joonko

Dr. Carolin Gabor ist seit Juli 2019 CEO des neuen digitalen Finanzportals Joonko.

Seit 2016 war sie als Managing Partner bei finleap für die strategische Weiterentwicklung des Company Builders verantwortlich, wo sie gemeinsam mit strategischen Partnern aus verschiedenen Branchen innovative Geschäftsmodelle zum Aufbau von Joint Ventures entwickelt hat. Dr. Carolin Gabor war zudem CEO der Unternehmen TopTarif und autohaus24, die erfolgreich an Verivox bzw. die Sixt Leasing AG verkauft wurden. Darüber hinaus verfügt sie über eine zehnjährige Erfahrung als Strategieberaterin im Bereich Finanzdienstleistungen und M&A bei der Boston Consulting Group. Sie engagiert sich aktiv für die Förderung von Frauen in der Finanzbranche und gründete die Initiative fintexx – women in finance.

Carolin auf Twitter. 

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