„Dividenden sind ein Qualitätsmerkmal“

Kaum jemand kennt sich so gut mit dividendenstarken Aktien aus wie Christian W. Röhl alias „Dividendenadel“. Im Interview spricht er über die Rolle der Gewinnausschüttungen für unseren Anlageerfolg und darüber, wie wir clever auf Dividendenaktien setzen können.

„Cool bleiben und Dividenden kassieren“ klingt nach einem guten Rat – vor allem in stürmischen Zeiten – , ist aber der Titel eines Buches von Börsenprofi Christian W. Röhl. Im Interview mit Jessica Schwarzer erklärt er, wann wir Dividenden bekommen, wer über ihre Höhe bestimmt und warum uns 2020 eine weniger üppige Dividendensaison bevorstehen könnte. Das ändert aber nichts daran, dass Dividenden ein wichtiger Faktor für unseren langfristigen Anlageerfolg sind. Warum das so ist und wieso eine hohe Dividendenrendite nicht immer ein Kaufargument ist.

Jessica: Eigentlich würden jetzt die ersten Dividenden auf unseren Konten landen. Fällt die Dividendensaison in der Corona-Krise aus?

Christian W. Röhl: Voraussetzung dafür, dass deutsche Unternehmen Dividende zahlen können, ist ein entsprechender Hauptversammlungsbeschluss über die Verwendung des Bilanzgewinns. Und selbstredend fallen HVen unter das von Bund und Ländern erlassene Kontaktverbot. Sämtliche eigentlich für Ende März bis Mitte April geplanten Veranstaltungen wurden abgesagt – und folglich gibt’s erstmal auch keine Dividende. Allerdings hat der Gesetzgeber sehr schnell gehandelt und diese Woche den Weg frei gemacht für Online-HVen – sogar mit halbierter Einberufungsfrist von lediglich 21 Tagen. Dazu können Aktiengesellschaften nun auch ohne HV-Beschluss Abschlagszahlungen auf den Bilanzgewinn vornehmen.

Wir bekommen also doch bald unsere Dividenden?

Die technischen Möglichkeiten, damit Aktionäre trotz Corona-Krise an ihre Gewinnbeteiligung kommen, sind geschaffen worden. Jetzt ist die Frage, ob die Unternehmen auch tatsächlich ausschütten wollen – oder angesichts des wirtschaftlichen Schockfrosts das Geld lieber im Unternehmen halten.

Wann bekomme ich normalerweise die Dividende?

In Deutschland regelmäßig drei Tage nach der Hauptversammlung – also einmal im Jahr. Ähnlich sieht es in Österreich und der Schweiz aus, selbst wenn die Zahlungsziele bisweilen etwas länger sind. In anderen Ländern werden oft auch Interimsdividenden gezahlt und in den USA ist der Quartalsrhythmus üblich.

Wer entscheidet, wie hoch die Dividende ist?

Die Dividende darf hierzulande nur aus dem Bilanzgewinn gezahlt werden. Deshalb gibt es von der Aktiengesellschaft nach Feststellung der Bilanz einen Gewinnverwendungsvorschlag – der dann von der Hauptversammlung abgesegnet werden muss. In der Regel schließt sich die HV dem Dividendenvorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat an.

Dividenden können auch gekürzt werden oder ausfallen…

Natürlich. Ich predige ja seit Jahren, dass Dividende eben nicht der neue Zins ist – sondern eine unternehmerische Gewinnbeteiligung. Und wenn kein Gewinn da ist oder das Geld im Unternehmen gebraucht wird, dann sollte es auch keine Dividende geben. Wobei da durchaus eine gewisse Glättung wünschenswert ist. Bei der DSW Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz nennen wir das „atmende Dividende“: In guten Jahren wird nicht so viel ausgeschüttet, wie man eigentlich könnte – damit man ein Cash- und Bilanz-Polster für schlechtere Zeiten hat und auch bei einer Ertragsdelle nicht gleich die Dividende kürzen muss.

Wie wichtig sind die Gewinnausschüttungen eigentlich für unseren Anlageerfolg?

Sehr wichtig. Ein besonders krasses Beispiel: Knapp unter 10.000 Punkten notiert der Dax Ende März rund doppelt so hoch wie 22 Jahre zuvor. Dazu muss man wissen, dass der Dax standardmäßig ein Performance-Index ist, der die Dividenden automatisch anrechnet und reinvestiert. Rechnet man die Ausschüttungen heraus, schaut sich also den Dax-Kursindex an, liegen wir ziemlich genau auf dem Niveau von 1998. Will heißen – die gesamte Wertschöpfung des Anlegers ist in den letzten zwei Jahrzehnten aus den Dividenden gekommen. Längerfristig sieht das natürlich etwas anders aus, je nach Land und Zeitfenster machen Dividenden – und ihre Reinvestition – zwischen einem Drittel und der Hälfte des gesamten Anlageerfolgs aus.

Wie funktioniert die Dividendenstrategie?

„Die Dividendenstrategie“ gibt es nicht – dafür sehr unterschiedliche Interpretationen. Viele Investoren legen Wert auf maximale Ausschüttungsrenditen. Das ist von der Psychologie her sehr praktisch, wenn man relativ kurzfristig signifikante Rückflüsse aus seinen Aktien bekommt. Allerdings gehen solche Strategien oftmals zu Lasten des langfristigen Gesamtertrags: Was als Dividende gezahlt wird, geht beim Kurs wieder flöten.

Wie interpretierst Du die Strategie?

Ich persönlich sehe Dividenden eher als Qualitätsmerkmal und schaue deshalb nicht so sehr auf die Rendite, sondern mehr auf Kontinuität, Ausschüttungsquote und Wachstum – um Fragen zu beantworten wie: Ist das Geschäftsmodell halbwegs krisenfest? Wird die Dividenden auch tatsächlich operativ verdient? Und kann aus einer niedrigeren Anfangsrendite durch entsprechende Dynamik in ein paar Jahren eine signifikante Gewinnbeteiligung werden?

Ist eine hohe Dividendenrendite immer ein klares Kaufargument?

Ganz klar nein. Eher im Gegenteil. Oft resultiert eine hohe Dividendenrendite daraus, dass der Aktienkurs stark gefallen ist – etwa weil es im Unternehmen operativ nicht (mehr) läuft und Investoren zweifeln, ob die Dividendenzahlung nachhaltig erwirtschaftet werden kann.

In welchen Branchen finde ich die solidesten Dividendenzahler?

Dividendenjäger tummeln sich gern in defensiven Sektoren wie Basis-Konsumgüter, Gesundheit, Versorger oder Telekommunikation – denn wo das Geschäft halbwegs konjunkturresistent ist, sind auch die Dividenden relativ stabil. Dennoch empfehle ich auch im „Dividenden-Depot“ eine sektorale Streuung. Denn einerseits hat jeder Wirtschaftszweig spezifische Risiken und andererseits gibt es in jeder Branche solide Dividendenzahler. Sogar in zyklischen Industrien und natürlich im Technologie-Sektor, beispielsweise Apple, Microsoft, Intel oder SAP. Hier winken zwar nicht so fette Anfangsrenditen wie bei vielen Nahrungsmittel- oder Pharma-Konzernen. Aber dafür ist das Wachstum hoch – und die Dividendendynamik von heute ist die Dividendenrendite von morgen.

Lieber Einzelwerte, aktiv gemanagten Fonds oder ETF?

Gegenfrage: Lieber selber kochen, Sternerestaurant oder Systemgastronomie? Hat alles seine Berechtigung, sofern am Ende das Preis-Leistung-Verhältnis stimmt. Wer Einzelwerte kauft, muss vielleicht ein bisschen mehr Zeit investieren, hat dafür aber volle Souveränität über sein Investment. ETFs bieten einen sehr günstigen Zugang zu regelbasierten Investment-Strategien, sind aber auf hohe Skalierbarkeit ausgerichtet – während aktiv gemanagte Fonds in Nischen punkten können. Das gilt übrigens völlig losgelöst vom Faktor „Dividenden“.

Christian, danke für das Interview.

Christian W. Röhl

Christian W. Röhl

Gründer von DividendenAdel.de

Christian W. Röhl ist Kapitalmarkt-Profi mit 25 Jahren Erfahrung, verwaltet heute vor allem sein eigenes Vermögen und teilt seine Einsichten – in seinem Bestseller „Cool bleiben und Dividenden kassieren“, auf www.dividendenadel.de sowie in Vorträgen und Workshops für Banken, Unternehmer und Privatanleger.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.
Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.

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