Euni Kim mit Sonnenbrille

Vom Hörsaal ans Mischpult

Eine OP riss Euni Kim aus den Examensvorbereitungen für ihr Jurastudium und lies sie ihre beruflichen Pläne über Bord werfen. Wie das passieren konnte, was sie heute macht und wie sie die Entscheidung für ein komplett anderes Berufsfeld treffen konnte, darüber spricht Kim im Interview.

finanz-heldinnen: Kim, Du studierst Jura und bist aktuell als erfolgreiche DJane unterwegs. Wann hast Du die Musik für Dich entdeckt?

Euni Kim: Die Musik war schon immer ein großer Bestandteil meines Lebens. Musik ist das Erste, was ich höre, sobald ich aufwache und das Letzte, bevor ich mich schlafen lege. Ohne meine Kopfhörer gehe ich nie aus dem Haus. Aber dass ich mit der Musik etwas Geld nebenbei verdienen kann, hat 2019 angefangen. Anfang des Jahres habe ich aus dem Krankenbett angefangen, mir das Auflegen selber beizubringen und so hat das eine zum anderen geführt. Seit 2019 bin ich als DJane unterwegs.

In einem Interview hast Du gesagt, dass Du Dein Studium immer mehr vernachlässigt hast. Wie kam es dazu?

Tatsächlich wurde mein Hobby dann schnell zu meinem Beruf. Ich habe zuerst von zu Hause aus Mixtapes erstellt und sie online gestellt, ohne irgendetwas Großes zu erwarten. Nach ca. zwei Monaten wurde der P1 Club auf mich aufmerksam und hat mir den ersten offiziellen Gig bei sich im Club verschafft. So wurden andere Bars und Clubs auch aufmerksam auf mich. Ohne es wirklich zu realisieren, war ich dann auf fast ein Jahr ausgebucht. Jedes Wochenende standen Gigs an, sodass ich meine ganze Zeit unter der Woche damit verbrachte, meine Auftritte vorzubereiten. Ich war zu der Zeit auch in der Examensvorbereitung. Ich habe versucht, beides unter einen Hut zu kriegen. Ich habe morgens in der Früh gelernt und dann abends meine Gigs vorbereitet. Ich merkte jedoch recht schnell, worin ich mehr Freude empfand. So setzte ich meinen Fokus immer mehr aufs Auflegen und vernachlässigte das Lernen.

Noch bist Du in beiden Welten unterwegs: Jura und Musik. Welchen Weg möchtest Du langfristig verfolgen?

Ich habe mich für die Musik entschieden. Es hat viele schlaflose Nächte gebraucht, um mich auf eine Welt festzulegen. Anfangs versuchte ich beides unter einen Hut zu bekommen, weil ich mich nicht entscheiden wollte. Aber beide Welten erfordern extrem viel von einem und ich habe gemerkt, wie sie mich die letzten beiden Jahre psychisch, sowie körperlich mitgenommen haben. Jura war bzw. ist ein großer Teil von mir und ich habe mich jahrelang darüber identifiziert. Einen Teil von sich selbst loszulassen, um in eine komplett andere Welt einzutauchen, ist eine beängstigende Vorstellung. Jedoch habe ich gemerkt, wie viel mehr mich das Auflegen erfüllt.
Am Ende kommt es vor allem auf drei Fragen an:

  1. „Wie viel von meiner Energie und Zeit bin ich bereit in etwas zu investieren und was erhalte ich im Gegenzug zurück?“
  2. „Tue ich das, weil es Andere von mir verlangen oder weil es MICH glücklich macht?“
  3. „Wo will und kann ich mich in 10 Jahren sehen?“

Ich habe schnell gemerkt, dass ich bei der Musik mehr zurückbekomme, als ich jemals erträumt habe. Egal, wie anstrengend der Job sein mag, ich bin nach meinen Auftritten mit mehr Energie nach Hause gefahren, als ich zu Beginn selbst mitgebracht habe.

Bei dem Auflegen liegt es in meiner Verantwortung der Crowd einen schönen Abend zu bereiten. Menschen gehen tanzen um abzuschalten, loszulassen und die negativen Erlebnisse, Gedanken und Gefühle für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Diese Verantwortung auferlegt zu bekommen, ist für mich ein riesiges Privileg, das ich nicht verlieren möchte.

Bei Jura hatte ich oftmals Zweifel, bei denen ich mich ständig fragen musste, ob ich es für die Sicherheit und den Status mache oder tatsächlich weil ich mich dafür begeistere.
Und wenn ich mir die letzte Frage, wo ich mich in 10 Jahren sehe, ausmale, dann sicherlich nicht in einem Bürokomplex am Schreibtisch.

Wie hat Dein Umfeld auf die neue berufliche Ausrichtung reagiert?

Mein enger Freundeskreis hat extrem positiv darauf reagiert. Sie waren sehr überrascht, aber nicht schockiert, weil ich mich ständig mit irgendwelchen neuen Ideen und Projekten beschäftige und somit noch nie jemand war, der nur einen strikten Weg ging. Es gab sicherlich ein paar Leute im Umkreis, die das auch belächelt haben und von denen ich mir blöde Kommentare anhören musste. Diese werde ich auch weiterhin an den Kopf geworfen bekommen. Vor allem der Kommentar: „Du bist doch schon so weit gekommen mit dem Jura und hast so viel Zeit da rein investiert. Außerdem ist die Musikbranche ein schwieriges Pflaster und sehr risikohaft. Überlege Dir das noch einmal gut. Es gibt viel zu viele DJs da draußen. Die Wahrscheinlichkeit, darin erfolgreich zu werden, ist so gering.“
Aber wenn man sich von der Masse abheben möchte, dann muss man genau das tun, was die Mehrheit nicht tun und nur kritisieren würde. Mit dieser Einstellung versuche ich diese negativen Kommentare soweit es geht auszublenden und zu ignorieren.

Mein engster Kreis bestärkt und unterstützt mich jedoch in der Entscheidung, was sehr viel Wert ist, da ich oftmals in meinen Gedanken und Zweifeln ertrinke. Dafür bin ich meiner Familie und meinen Freunden jeden Tag extrem dankbar.

Nun gilt Jura als solide Basis, auch, um entsprechend zu verdienen. Als Künstlerin ist man natürlich auf der einen Seite freier, aber auch etwas abhängiger, was den finanziellen Rahmen angeht. Hast Du Dir darüber auch Gedanken gemacht?

Natürlich mache ich mir darüber Gedanken. Aber wer seinen Beruf nur aufgrund des Einkommens und der finanziellen Sicherheit wählt, der hat meiner Meinung das Leben nicht verstanden. Wie primitiv und langweilig wäre das Leben, wenn es nur daraus bestünde, die größtmögliche finanzielle Sicherheit zu erreichen? Für mich ist es wichtig, so viel vom Leben mitzunehmen, wie nur möglich. Alles auszuprobieren, immer wieder dazuzulernen und mich selbst immer aufs Neue herauszufordern. Geld kommt immer irgendwie rein, wenn man bereit dazu ist, etwas dafür zu tun. Ich arbeite seit ich 13 Jahre alt bin. Ich habe während der Schule und des Studiums immer zwei Nebenjobs gehabt. Ich habe jede Art von Nebentätigkeit schon ausprobiert. Daher mache ich mir über das Geld keine Sorgen.
Bis ich stabil von der Musik gut leben kann und über die Runden komme, werde ich auch so lange andere Jobs nebenbei tätigen müssen und das ist aber vollkommen okay so.

Was hilft Dir, für Dich gute Entscheidungen zu treffen?

Alle, die mich gut genug kennen, wissen, dass ich überhaupt nicht gut darin bin, Entscheidungen zu treffen. Ich brauche am längsten beim Bestellen im Restaurant oder bei der Auswahl eines Outfits. Ich denke viel zu viel über unnötige Dinge nach und habe ständig Angst mich „falsch“ zu entscheiden. Ich bin daher grundsätzlich eher ein Kopfmensch und gehe jedes kleinste Detail und Szenario durch, bevor ich mich für oder gegen etwas entscheide. Bei großen und möglicherweise lebensverändernden Entscheidungen reagiere ich aber komplett anders. Da entscheide ich über mein Bauchgefühl heraus. Ich kann nicht erklären, wieso das so ist. Aber bei sehr wichtigen Entscheidungen ruht ein tief verankertes Vertrauen in mir, das mir sagt: „Das wird schon richtig sein. Trau Dich.“ Ich versuche soweit es geht nach dem Motto: „Rejection is Redirection“ zu leben und zu manifestieren, dass es keine falschen Entscheidungen gibt. Jede Entscheidung, die man im Leben trifft, ist wichtig, um dahin zu kommen, wo man hingehört.

DJane Kimswim am Mischpult Open Air

Über Euni Kim

Kim liebt die Musik. Durch Zufall kam sie zum Mischpult und geht seit 2019 ihrer Leidenschaft nach, Mixtapes zu erstellen und aufzulegen. Auf Soundcloud veröffentlicht sie ihre neuesten Arbeiten.

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