„Ich habe mich auf ihn verlassen, blind.“

Ahnungslosigkeit? Verdrängung? Sehenden Auges ins Unglück rennen? Altersarmut ist für Frauen ein extremes Risiko, vor allem wenn ihre Ehe zerbricht, sie in Teilzeit arbeiten oder alleinerziehend sind. Ein fiktives Interview über Fehler, falsches Vertrauen und große Dramen.

Kurz vor dem 50. Geburtstag kommt das böse Erwachen: Der Mann ist weg und mit ihm das pralle Familieneinkommen, der Rentenbescheid ist ein Trauerspiel und die Zukunft sieht – zumindest finanziell – düster aus. So oder so ähnlich ist die Situation vieler Frauen. Es passiert ihnen selbst, ihren Schwestern oder ihren Freundinnen. Offen sprechen über das finanzielle Desaster und die drohende Altersarmut wollen sie nicht. Deshalb ist dieses Interview fiktiv, beruht aber auf den vielen Geschichten, die ich immer wieder höre und die ich natürlich vertraulich behandele. Deshalb: erfundene Name und leicht abgewandelte Geschichten. Falls sich doch jemand wiedererkennen sollte: Entschuldigung!

Jessica: Die Wohnung eher klein, den Urlaub für Sie und ihre Kinder müssen sie sich sprichwörtlich vom Munde absparen – wirklich gut geht es Ihnen finanziell nicht, oder?

Nein, wirklich nicht. Dass ich mit Mitte 40 einmal leben würde wie eine Studentin, hätte ich niemals gedacht. Vor allem nicht, nachdem ich in den vergangenen Jahren ein wirklich tolles Leben hatte: ein großes Haus, Designerkleidung, regelmäßige Theater- und Restaurantbesuche, Golf, tolle Urlaube… Uns ging es finanziell wirklich gut. Mein Mann hat sehr gut verdient. Ich habe Teilzeit gearbeitet, weil ich Lust dazu hatte, nicht, weil ich musste. Und ich habe mich um unsere beiden Kinder und den Haushalt gekümmert. Der Klassiker eben.

Und wer hat sich um die Finanzen gekümmert?

Mein Mann, auch das ganz klassische. Ich habe mich auf ihn verlassen, blind. Als er sich von mir getrennt hat, habe ich in die Röhre geschaut… Vom Trennungsunterhalt, den er bis zur Scheidung zahlen musste, konnten wir ganz gut leben. Doch dann kam die Scheidung.

Mit dem neuen Scheidungs- und Unterhaltsrecht standen Sie ziemlich schlecht da?

So ist es! Er zahlt natürlich weiter für die Kinder, aber für mich eben nur noch zeitlich begrenzt und im Vergleich zu unserem früheren Lebensstandard ziemlich wenig. Wir mussten aus dem Haus raus. Ich arbeite natürlich weiter, habe auch die Stunden ein wenig aufstocken können. Zum Glück. Aber große Sprünge können wir nicht mehr machen. Für meine Kinder war das eine ziemliche Umstellung, für mich auch. Und im Alter wird es eher schlechter als besser.

Aber es ist doch keine Überraschung, dass Sie deutlich weniger Rente als Ihr Mann bekommen. Sie haben doch Teilzeit gearbeitet…

…aber er hat wirklich gut verdient. Er hat viel Geld angelegt, auch für unsere Altersvorsorge. Ich korrigiere: Am Ende war es seine Altersvorsorge, nicht unsere.

Weil Sie einen Ehevertrag hatten?

Ja, er stammt aus einer Unternehmerfamilie. Da war das so üblich. Für mich klangt das logisch, das Familienerbe sollte geschützt werden, das Unternehmen natürlich in der Familie bleiben. Ich war so naiv, so schrecklich naiv. Über die weiteren Folgen unseres Ehevertrages habe ich überhaupt nicht nachgedacht. Dann kam die Trennung…

Haben Sie denn nie nachgefragt, wie Ihr Mann das vermeintlich gemeinsame Geld angelegt hat?

Nein. Das Thema Finanzen habe ich komplett meinem Mann überlassen. So wie es viele meiner Freundinnen auch tun. Dass alle Verträge und Depots auf seinen Namen laufen, aber nichts auf meinen Namen, war mir nicht bewusst. Hätte ich früher gewusst, was ich heute über Finanzen und Geldanlage weiß, wäre das so nicht passiert. Dann hätte es auch eine Lebensversicherung, private Rentenversicherung oder einen Fonds-Sparplan auf meinen Namen gegeben. Unseren Ehevertrag hätte eine vorteilhaftere Regelung für den Fall einer Trennung enthalten…würde. Hohe Verwaltungsaufwendungen in den Behörden durch Prüfungen, Genehmigungen und Bürokratie würden entfallen. Es müssten alle, die arbeiten, in ein System einzahlen.

So war es aber nicht. Und jetzt fangen Sie bei null an?

Nicht ganz. Ich habe eine kleine Abfindung bekommen, außerdem in der Trennungsphase Geld zurückgelegt und investiert. Aber es sind eben kleinere Summen, die hoffentlich zu einem kleinen Vermögen werden. Das müssen sie auch! Sonst stehe ich später sehr schlecht da.

Klingt so, als ob Sie sich wirklich Sorgen machen…

Früher habe ich überhaupt nicht über Geld nachgedacht, es war einfach da. Heute drehe ich jeden Euro zwei Mal um. Manchmal rede ich mir meine Situation auch schön, schließlich geht es Freundinnen und Bekannten nicht so viel besser. Da ist zum Beispiel Anna aus dem Golfclub, die vor einem Schuldenberg stand, noch dazu fast ohne Altersvorsorge, als ihr Mann vor einigen Jahren starb. Er hatte alles verzockt, sie wusste von nichts. Was kann man da mit 60 schon noch retten? Oder Ina, die lange fest davon überzeugt war, dass die gesetzliche Rente, ihre kleine Eigentumswohnung und das Ersparte ausreichen würden.

Das war nicht so?

Nein. Überhaupt nicht. Sie ist alleinerziehend, hat wie ich lange in Teilzeit gearbeitet und nicht weiter privat vorgesorgt. Und nun steht sie da mit einer erwarteten Rente von etwa 1000 Euro. Gut, sie lebt mietfrei. Aber große Sprünge wird sie später trotzdem nicht machen können. Im Gegenteil. Aber das Problem kenne ich ja leider auch.

Was würden Sie heute anders machen?

Auf jeden Fall würde ich mit meinem Mann über Geld sprechen, mich gemeinsam mit ihm um die Finanzen kümmern, eine eigene Altersvorsorge einfordern. Ich würde mich beraten lassen, bevor ich einen Ehevertrag unterschreibe und nicht blind vertrauen. Wahrscheinlich würde ich auch mehr arbeiten.

Was sollten Anna und Ina besser machen?

Uns ist mittlerweile sehr klar, dass wir selber für das Alter vorsorgen müssen – je früher, desto besser. Ein Mann ist keine Altersvorsorge und für Alleinerziehende ist Altersarmut ein gigantisches Risiko. Wer Teilzeit arbeitet, sollte sich sehr bewusst darüber sein, was das für das Rentenkonto bedeutet. Unsere Töchter machen es hoffentlich später besser!

Danke für das Interview.

Annette Siragusano

Annette Siragusano

Leiterin Unternehmenskommunikation bei comdirect & Vorstand Stiftung Rechnen

Annette Siragusano leitet die Unternehmenskommunikation der comdirect bank AG. Als Digital Mind liebt sie Innovationen, Zukunftsthemen und spannende Formate wie zum Beispiel das Finanzbarcamp. Zuvor war sie unter anderem Leiterin Marketing sowie Leiterin Interne und Pressekommunikation der PlanetHome AG, einem Unternehmen der Unicredit Gruppe. Als Mutter ist ihr das Thema frühe Finanzbildung besonders wichtig. Mit ihren Kolleginnen hat sie die finanz-heldinnen gegründet, da sie der Überzeugung ist, dass Geldanlage kein Hexenwerk ist und es wichtig ist in Sachen Finanzen den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Und das eher heute als morgen.

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