„Finanzen dürfen kein Tabuthema sein – egal in welcher Generation.“

Ein Interview mit Annette Siragusano, Leiterin Unternehmenskommunikation comdirect bank. In ihrer Position treibt sie eine Reihe an Themen rund um die Finanzbildung voran, um ein Umdenken zu veranlassen und mit unterschiedlichen Wissensformaten die Basis für ein selbstbestimmtes Leben zu legen.

finanz-heldinnen: Wenn Du Dich zurückerinnerst an Deine Kindheit und Jugend, wann hast Du Dich das erste Mal mit dem Thema Finanzen auseinandergesetzt?

Annette Siragusano: Ich hatte als Jugendliche ein paar Ferienjobs, zum Beispiel in der Eisdiele, und hab so die ersten Erfahrungen gemacht, wie anstrengend es ist, Geld zu verdienen. Als ich nach der Schule in meine erste Wohnung zog, wurde mir aber erst richtig bewusst, was im Leben alles Geld kostet.

Mittlerweile hast Du selber Kinder, wie gehst Du mit ihnen und dem Thema Finanzen um?

Wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass der Umgang mit Geld zum Tagtäglichen dazu gehört und dass es auch ganz selbstverständlich ist, darüber auch zu reden. Ein Verständnis dafür, wieviel kann und will ich von meinem Taschengeld ausgeben ist wichtig. Und da wird schnell klar, wer eher spart und wer eher nachverhandelt. Aber auch wirtschaftliche Zusammenhänge sind spannend, wie zum Beispiel, dass hinter Wirtschaft auch immer Mathematik steckt. Und es gibt tolle Angebote dazu, wie z.B. der Instagram-Account von Handelsblatt Orange oder auch tolle Videos vom Matherockstar Daniel Jung, der auch als Botschafter für unsere Stiftung Rechnen aktiv ist und als Infiuser bei fiuse.

Letztlich sind wir alle gefragt, wenn es darum geht, Neugier und Lust für solche Themen zu wecken.

Du hast eben bereits von der Stiftung Rechnen und fiuse gesprochen. In deiner Rolle als stellv. Vorstandsvorsitzende der Stiftung Rechnen beschäftigst Du Dich intensiv mit der finanziellen Bildung, gerade von jungen Menschen – was ist dein Blick darauf? Und was ist fiuse?

Starten wir mal mit fiuse. fiuse steht für finance yourself. Ziel der Initiative ist es, junge Menschen für die Wirtschaft zu begeistern und zwar mit Hilfe von Gleichaltrigen, die die Formate gestalten. Hierfür gehen wir dahin, wo die jungen Menschen sind: ins Internet und die sozialen Medien, wie beispielsweise TikTok.

Jetzt zum Grundsatz: Digitalisierung hilft uns, auch bei Bildung. Wir sehen, dass der Bedarf groß ist und auch der Wille etwas zu verändern. Die Initiative und der Hackathon #wirfürschule von Verena Pausder finde ich zum Beispiel ein grandioses Beispiel dafür, wie wir alle uns beim Thema Bildung einbringen können. Denn es muss sich etwas an den Schulen verändern, damit der Digitalpakt nicht nur auf dem Papier besteht, sondern auch ins Leben findet und wir mündige junge Menschen ausbilden, die das Leben von Morgen mitgestalten. 

Und das sehen wir auch bei finanzieller Bildung. Hier gibt es bereits Initiativen von außen, die das Thema verstärkt in den Unterricht bringen. Jedoch braucht es meiner Meinung nach noch viel mehr. Ein Schulfach Finanzen wäre eine gute Basis – und das für alle Bundesländer. Immerhin haben sich 50 Prozent der Befragten in unserer Jugendstudie aus 2019 ein Pflichtschulfach dazu gewünscht. Der Wille ist also bei den jungen Menschen da, nun sind wir Erwachsenen an der Reihe den passenden Rahmen zu schaffen. 

Deutschland ist nicht dafür bekannt, eine starke Aktien- und Börsenkultur zu haben. Was glaubst Du, woran das liegt?

Nur einer von zahlreichen Gründen ist, dass viele Menschen in Deutschland die Zeiten der Dotcom-Blase erlebten: der rasche Anstieg und Fall der Telekom-Aktien. Wir nennen das oftmals auch das „Telekomtrauma“. Alle wurde zu Aktienexperten, obwohl sich zuvor kaum jemand mit dem Investieren an der Börse auseinandergesetzt hatte. Mit dem Crash fiel auch das Interesse am Investieren und es folgte eine Flucht in Anlagen wie Tagesgeldkonten.

Seitdem haben Aktien und Börseninvestments einen schlechten Ruf und werden von der breiten Masse als Mittel zur Vermögenssicherung gar nicht in Betracht gezogen. Diese Erfahrung von damals hat sich eingebrannt und wird nur langsam vom Wissen verdrängt, dass es an den Börsen mehr als nur ums Zocken geht.

Das ist aber fatal, denn wenn wir mal auf den Realzins-Radar schauen, den wir regelmäßig erheben, zeigt dieser, dass die Spareinlagen der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland allein im zweiten Quartal 2020 über 3,9 Milliarden Euro an Wert eingebüßt haben. Das ist bares Geld, das da verloren geht. Dennoch sparen die Menschen immer mehr – und das mit niedrigverzinsten Produkten, wie dem Sparbuch.

Es ist also an der Zeit, zu investieren! Und weil das so wichtig ist, setzen wir uns stark für das Thema Finanzwissen ein. Das zeigt sich an unseren zahlreichen Initiativen und Aktionen wie die Initiative Pro Aktie oder die finanz-heldinnen. Wir sind der festen Überzeugung, dass jede*r Zugang zu finanzieller Bildung haben sollte. Und wenn das erst einmal der Fall ist, wird Deutschland irgendwann von selbst eine Aktien- und Börsenkultur aufbauen. Finanzen, Wirtschaft und der kompetente Umgang mit Geld ist nichts Schlechtes, sondern wesentlich.

Wir Deutschen tun uns recht schwer über Geld zu sprechen. Woher kommt das?

Es gibt ja das Sprichwort: Über Geld spricht man nicht. Und oftmals trifft das bei uns auch zu. Das ist für mein Empfinden einfach tief in unserer Kultur verankert. Wenn wir uns die USA anschauen, herrscht dort ein ganz anderer Umgang mit Geld. Eine Altersvorsorge mit Hilfe von Aktien und Wertpapieren ist normal, Freunde erzählen sich von ihren persönlichen Investments und auch das Thema Gehalt ist nicht tabu. Ich glaube, das hat viel mit dem American Dream zu tun und der Vision vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen zu können. Finanzielle Bildung ist dort Teil des Weges zum Erfolg und damit auch in der Gesellschaft verankert. In Deutschland wollen wir Geld nicht so sehr in den Mittelpunkt rücken, sondern es als private Angelegenheit hintenanstellen – zum Teil auch aus Angst vor Neid. Leider führt das dazu, dass wir uns als Gesellschaft gar nicht oder viel zu wenig mit dem Thema befassen, obwohl die Zeit aufgrund der Zinslage dafür dringender denn je ist. Finanzen dürfen kein Tabuthema sein – egal in welcher Generation.

Ein weiteres Highlight dazu ist die Initiative finanz-heldinnen, die Du Anfang 2018 gemeinsam mit Kolleginnen ins Leben gerufen hast. Was war damals eure Motivation dazu?

Wir haben festgestellt, dass Finanzen zum Beispiel auch unter Freundinnen ein Tabuthema sind und uns gesagt, dass es so nicht bleiben kann. Unser Geld verliert durch die Inflation an Wert, zudem ist Altersarmut leider ein weibliches Problem. Die Ursachen hierfür liegen in der Gender Pay Gap und der Tatsache, dass Frauen in der Regel immer noch häufiger diejenigen sind, die Eltern- oder Teilzeitarbeit in Anspruch nehmen. Wir müssen uns also noch dringender mit unseren Finanzen befassen, aber es herrscht weiterhin große Zurückhaltung und Unsicherheit.

Bei finanz-heldinnen geht es uns deshalb um die Frage: „Wie schaffen wir es, Frauen zu zeigen, dass es sogar Spaß machen kann, sich mit ihren Finanzen zu beschäftigen?“. Wir haben uns am Anfang auch gefragt, ob es für Frauen wirklich etwas Besonderes braucht. Wir wollten nicht den Eindruck erwecken, dass wir dies nur in rosa tun. In vielen Gesprächen stellten wir fest, dass Frauen anders angesprochen werden und anders untereinander diskutieren wollen. Dann gibt es weniger Hemmungen, Fragen zu stellen. Bei den finanz-heldinnen geht es auch darum, innerhalb der Gemeinschaft Raum für den Gedankenaustausch zu schaffen. Wir wollen Frauen ermutigen, den ersten Schritt zur Geldanlage zu machen.

Mittlerweile ist die Initiative zum größten Instagram-Account einer Bank gewachsen und die gesamte Community zählt über 100.000 Fans. Das ist ein Erfolg, der uns sehr stolz macht und zeigt, dass Frauen immer mehr bereit sind, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Noch länger als die Initiative gibt es die Stiftung Rechnen, die schon 2009 von comdirect gegründet wurde. Kannst Du uns etwas über sie erzählen?

Der Grundgedanke dahinter war: mehr vom Leben durch die Freude an der Mathematik. Der Umgang mit Zahlen findet immer und überall statt. Wir wollten zeigen, dass Mathe Spaß machen kann. Interessanterweise hat das Thema Mathematik in der Gesellschaft eine eher negative Konnotation. Die Leute geben sogar mit der Tatsache an, dass sie „schlecht“ in Mathematik waren. Das ist in der Gesellschaft vollkommen akzeptabel. Dabei hat so viel im Leben mit Mathematik zu tun, nicht nur in der Finanzwelt. Die Herausforderung besteht darin, Freude an diesem Fach zu wecken – vor allem bei Mädchen. Wir sehen, dass junge Mädchen im Alter von sieben, acht, neun, vielleicht bis zu zehn Jahren ganz natürlich an dieses Thema herangehen und viel Selbstvertrauen in sich und ihr Wissen haben. Dann, nach der Pubertät, ändert sich das plötzlich und sie wollen sich nicht mehr mit Mathe beschäftigen. Das wollen wir beenden, sodass auch die Mädchen bei Mathe am Ball bleiben.

Vor einigen Wochen habt ihr mit der Stiftung die Initiative fiuse ins Leben gerufen. Worum handelt es sich dabei?

Wir verstehen fiuse als ein Finanzbildungsangebot, das für den verantwortungsvollen Umgang mit Geld begeistern. Im Mittelpunkt stehen digitale Formate wie Edu-Vlogs und Tutorials. Dabei setzen wir auch auf soziale Medien, Influencer und bekannte Persönlichkeiten, um ein breiteres Interesse der jungen Generation zu erreichen. Das Besondere: fiuse ist ein Angebot von Jugendlichen für Jugendliche. Sie werden aktiv eingebunden und können selbst Teil des Teams werden.

Welche weiteren Kompetenzen sollten Kinder heutzutage in der Schule lernen? Was sind Deine Vorschläge?

Wichtig ist nicht nur, was wir lernen, sondern dass wir bereit sind, ein Leben lang zu lernen. Wir müssen sowohl bei uns als auch bei unseren Kindern ein Mindset schaffen, das offen ist für Veränderungen, gerade im Zuge des technologischen Fortschritts. Nichtsdestotrotz sind Programme oder Kurse zum Thema Programmieren überaus hilfreich. Ich selbst habe vor kurzem erst mit meiner Tochter an einer Hacker School teilgenommen. Dort haben wir eine Künstliche Intelligenz (KI) für Bilderkennung trainiert, die Unterschiede zwischen Hunden, Katzen, Kaninchen und Hamstern zu erkennen. Durch diese echten Beispiele werden nicht nur die Funktionalitäten, sondern auch Zusammenhänge zum alltäglichen Leben viel besser verständlich.

Die zentrale Frage, die wir uns – auch im Sinne unserer Kinder – also stellen müssen, lautet: „Wie kann ich mich flexibel auf die Anforderungen der neuen Lebens- und Arbeitswelt einstellen?“. Oft wird diskutiert, ob wir in Zukunft mehr Methodenkompetenz und weniger Wissen brauchen. Ich denke, wir brauchen weiterhin beides. Denn es wird auch in Zukunft nicht darum gehen, alles zu googlen. Die eigene Arbeit braucht immer einen Kontext, sie muss bewertet und interpretiert werden. Und da braucht es Wissen als Referenz. Natürlich muss dieses Wissen in Zukunft immer schneller ergänzt und aufgebaut werden. Das ist sicher eine Herausforderung.

Ein weiteres wesentliches Thema ist die Sozialkompetenz. Teamarbeit spielt schon heute eine wichtige Rolle im Arbeitsleben. Zusätzlich braucht es Agilität, um schnell auf neue Entwicklungen reagieren zu können. Das, gepaart mit der angesprochenen Lernbereitschaft, befähigt uns, mit dem technologischen Wandel Schritt halten zu können.

Vielen Dank für das Interview!

Annette Siragusano

Annette Siragusano

Annette Siragusano leitet die Unternehmenskommunikation der comdirect bank AG. Als Digital Mind liebt sie Innovationen, Zukunftsthemen und spannende Formate wie zum Beispiel das Finanzbarcamp. Zuvor war sie unter anderem Leiterin Marketing sowie Leiterin Interne und Pressekommunikation der PlanetHome AG, einem Unternehmen der Unicredit Gruppe. Als Mutter ist ihr das Thema frühe Finanzbildung besonders wichtig. Mit ihren Kolleginnen hat sie die finanz-heldinnen gegründet, da sie der Überzeugung ist, dass Geldanlage kein Hexenwerk ist und es wichtig ist in Sachen Finanzen den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Und das eher heute als morgen.

Mehr interessante Artikel im Magazin:

finanz-heldinnen Infoline

Auf dem Weg zur finanziellen Unabhängigkeit kommen viele Fragen auf. Dabei ist jede Frage anders und wir möchten jeder Frau auch eine individuelle Antwort geben. Dafür haben wir die finanz-heldinnen Infoline eingerichtet.

Hier könnt Ihr alle Fragen stellen, die Euch rund um das Thema Geldanlage beschäftigen. Einfach, persönlich und von Frau zu Frau.

Ihr erreicht uns montags bis freitags von 9.00 bis 20.00 Uhr unter der Telefonnummer:

+49 (0) 4106 – 708 2549

Wir freuen uns über Euren Anruf!