„Ich warte mit dem Feiern nicht, bis ich große Ziele erreicht habe“

Nachdem das Unternehmen, in dem Nina Klement gearbeitet hat, schließen musste, traf sie eine Entscheidung: Auf eigenen Beinen stehen zu wollen und sich selbstständig zu machen. Mit novembr hat sie sich ihren Traum einer kleinen Manufaktur für Wohnaccessoires erfüllt. Im Gespräch mit den finanz-heldinnen spricht Nina über den Weg zur Gründerin, die Finanzierung und wie sie ihre Stärken und Wünsche herausgearbeitet hat.

finanz-heldinnen: Nina, Du hast gerade erst vor Kurzem ein kleines Start-Up gegründet. Was machst Du?

Nina Klement: Ich baue gerade meine eigene kleine Manufaktur “novembr” für Wohnaccessoires wie Blumentöpfe und Kerzenhalter auf und verkaufe meine Produkte online. Jeder Artikel ist handgemacht und ein absolutes Unikat.

Wie kam es zur Gründung?

Im Frühjahr letzten Jahres wurde das Unternehmen, in dem ich im Bereich HR arbeitete, geschlossen. Nachdem ich eine ganze Weile der Vergangenheit nachgetrauert hab, habe ich die Situation zum Anlass genommen meine berufliche Ausrichtung – und auch mich persönlich – grundsätzlich zu hinterfragen. Ich bin meinem früheren Beruf weiterhin sehr verbunden, aber dennoch habe ich mich schon vorher monate- oder sogar jahrelang nach etwas anderem mit mehr Eigenverantwortlichkeit gesehnt.

Du hast in einem intensiven Prozess Deine Stärken und Wünsche herausgearbeitet. Wie bist Du das angegangen?

Puh, da könnte ich ja jetzt Stunden drüber berichten und philosophieren! Vorab sei gesagt, dass das natürlich je nach Person auch super individuell ist. Da gibt es in meinen Augen kein Richtig oder Falsch. Und so wirklich fertig mit dem Thema ist man auch nie. Ich geb’s ganz ehrlich zu: ich habe diesen Prozess richtig lange vor mir hergeschoben. Wie bei so vielen Projekten ist häufig der Anfang das Schwerste und in meinem Fall war der Anfang die Bereitschaft, wirklich mal total ehrlich zu mir selbst zu sein und nicht nur daran zu denken, was von mir erwartet werden könnte oder was vielleicht besser klingt als die Realität. Das kann schon erstmal echt weh tun, aber es bringt einen so stark weiter!

Was ich daneben noch gelernt habe ist, dass es wie für jeden Prozess auch dieses Mal wichtig ist, dass ich ein Ziel vor Augen habe. Was will ich da überhaupt über mich herausfinden? Ich habe mich darauf konzentriert, was ich in meiner beruflichen Zukunft sehe. Und dann habe ich einmal mit einem externen Coach und auch als mein eigener Coach diverse Methoden ausprobiert, die ich zum Teil schon aus meiner Arbeit im HR kannte, um mich diesem Ziel zu nähern. Super hilfreich war erstmal das bildliche Vorstellen z.B. meines Arbeitsplatzes, welche Tools und Materialien ich nutzen werde, ob ich alleine arbeite oder Menschen um mich herum sind etc. Zudem waren ganz einfache Wertekarten ein absoluter Eye Opener für mich!

Und der dritte Punkt, der für mich zu intensiven Erkenntnissen geführt hat war, dass ich in einem Podcast gehört hatte, dass es manchen Personen hilft, sich über ihre Kindheit quasi ihrem Kern zu nähern. Ich war als Kind immer wahnsinnig kreativ, hatte viele Jahre den Berufswunsch “Malerin”. Ich hatte viele Freunde und hab super gern mit ihnen gespielt, aber meine liebsten Hobbies, an die ich mich erinnere, waren immer Aktivitäten, die man vorrangig alleine macht: puzzlen, schreiben, lesen, malen.

Es liest sich hier vermutlich seltsam, aber für mich war das neu. Ich dachte, alleine schon durch meine vorherige Tätigkeit als HR & Recruiting Managerin ist manifestiert, dass ich eine absolute People Person bin. Ist auch so, heißt aber nicht, dass ich ausschließlich in der Gruppe Freude an einer Aufgabe habe.

Der Traum vom eigenen Label. Ist es nur das oder was möchtest Du mit Deiner Gründung auch erreichen?

Mir ist es wichtig etwas zu machen, auf das ich stolz sein kann und das mir jeden Tag Freude bereitet. Nach Jahren in der Softwarebranche hat sich herausgestellt, dass ich insbesondere aus der Arbeit mit physischen Produkten, die ich in der Hand halten kann, sehr viel Motivation ziehe. Außerdem ist es mir wichtig, echt jeden Schritt in einer Unternehmensgründung und der -führung zu erleben.

Nun bist Du noch eine recht frisch gebackene Gründerin. Dennoch gibt es vor einem Start, der nach außen sichtbar ist, viele Dinge, die zu erledigen sind. Auf welche Herausforderungen bist Du hier gestoßen?

Kann ich gar nicht mehr zählen, die Zahl der Herausforderungen und es werden täglich mehr. Dadurch, dass ich vorher immer angestellt war und auch noch nie im Bereich E-Commerce beschäftigt war, ist fast alles für mich neu und aufregend und gleichzeitig erstmal eine Herausforderung. Nachdem ich die steuerliche Erfassung beim Finanzamt nach bestem Wissen und Gewissen erledigt hatte und dachte, das Komplizierteste sei geschafft, habe ich mich dem Thema Formenbau und 3D Modelling gewidmet. Das war über Monate etwas, das mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Gerade auch in diesem Punkt habe ich gemerkt, wie sehr mir ein soziales Netzwerk fehlte – durch die Pandemie noch verstärkt – mit dem ich mich über Themen austauschen kann und vielleicht sogar Hilfe bekommen kann.

Wie hast Du die Finanzierung aufgestellt?

Die letzten Jahre war ich immer in Festanstellung und habe mir Geld zur Seite legen können. Wofür genau, das wusste ich lange Zeit gar nicht so recht. Mehr so ein „multi purpose buffer“. Jetzt verwende ich es für novembr.

Ist es ein Ziel von Dir ein Team aufzubauen und novembr zu einer großen Marke zu machen?

Ich strebe nicht danach ein großes Unternehmen mit entsprechendem Team aufzubauen. Allerdings sehe ich mich schon in einem eigenen Studio, in dem viel Platz für Kreativität vorhanden ist und aus dem heraus ich sowohl für meine eigenen Kund*innen Produkte herstelle als auch für Wholesale Partner produziere. Sicherlich gehört dann auch ein kleines Team dazu.

Wie misst Du Deinen Erfolg oder anders gefragt: Was muss passieren, damit Du Dich selbst feierst?

Ich warte mit dem Feiern nicht, bis ich große Ziele z.B. Umsätze erreicht habe. Mit novembr befinde ich mich in einer Phase, in der für mich auch die Erreichung kleiner Meilensteine – so unspektakulär er auch klingen mag – ein Grund zur Freude ist. Ich brauche das auch einfach, um dauerhaft motiviert zu bleiben. Als ich die Etiketten mit meinem Logo ausgepackt hab, musste ich erstmal eine Runde tanzen und kam aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus!

Gibt es auch einen Punkt, den Du für Dich definiert hast wo Du sagst: wenn ich hier stehe, dann bin ich gescheitert?

Ganz klar: wenn ich es mit vollem Einsatz nicht schaffe, bis Ende des Jahres Kunden von meinen Produkten und meiner Marke zu überzeugen. Ja, diese Gründung ist auch eine Selbstverwirklichung und hat aktuell nicht nur das Ziel immer mehr Umsätze zu generieren. Nichtsdestotrotz sollte sich schon in diesem Jahr für mich eine Tendenz ablesen lassen, ob ich mittelfristig von den Einnahmen leben kann.

Wir haben in diesem Monat einige bekannte Gründerinnen vorgestellt. Hast Du selbst Vorbilder?

Wow, schwierige Frage für mich! Ganz ehrlich: Ich folge einigen Gründerinnerinnen über Social Media und nehme mir hier und da etwas mit. Allerdings sehe ich mich so gar nicht im Kreise dieser Gründerinnen, sondern sehr weit davon entfernt. Ich bin nicht dabei das nächste Unicorn aufzubauen, sondern meine Vision vom eigenverantwortlichen Arbeiten in Form einer kleinen Manufaktur zu verwirklichen. Es gibt zwar super viele dieser „Ein-Frau-Unternehmerinnen“, die tolle Ideen haben oder ihr Hobby zum Beruf machen – wie z.B. auch auf Plattformen wie Etsy super gut zu sehen. Diese Frauen sind jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung von Gründer*innentum leider total unterrepräsentiert.

Was sind die nächsten geplanten Schritte?

Ich habe noch eine Menge Ideen für weitere Artikel und Kollektionen, die möchte ich super gern in der zweiten Jahreshälfte umsetzen. Vorher steht für mich noch das Thema Marketing und dabei insbesondere Social Media Marketing an erster Stelle. Da habe ich echt noch viel aufzuholen wie ich Instagram & Co für mich am besten nutze. Außerdem arbeite ich gerade aktiv an einer wesentlich weniger kreativen Aufgabe. Ich muss und möchte meine Produktionsprozesse effizienter gestalten. Zwar ist jedes meiner Produkte ein Unikat, aber eine verlässliche Reproduzierbarkeit sollte schon gegeben sein.

Dein Tipp an andere, die vor der Überlegung stehen zu gründen?

Glaub an dich, aber glaub nicht, dass du alles unbedingt alleine machen kannst oder musst! Ich habe nach relativ kurzer Zeit gemerkt, dass Formenbau und 3D Modelling absolut nicht mein Ding sind. Einige Tage habe ich mit verschiedenen CAD Softwares verbracht, ohne Freude und mit richtig viel Frust. Der Schritt meine Designs anderweitig zu visualisieren und an einen professionellen Designer für den Feinschliff zu geben, hat mir unfassbar viel Motivation und Zeit zurückgegeben. Gerade als Frauen sind wir häufig der Annahme, „alles alleine machen zu müssen“. Aber warum sollten wir? Sofern die finanziellen Mittel oder die Netzwerk-Kontakte es zulassen, gib Aufgaben raus, die Dich bremsen und konzentriere Dich darauf, dass Deine Idee vorankommt.

Vielen Dank für das Interview! 

Über Nina Klement

„Ich bin Nina, aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, lebe seit fast sechs Jahren in Berlin und bin gerade dabei, mein erstes Unternehmen zu gründen. Die Entscheidung meinen sicheren Job in Bremen zu kündigen und neue Herausforderungen in jungen Berliner Start-ups zu suchen, war bisher eine meiner besten. Ich schätze die Vielfalt und den Freiraum der Großstadt, die vielen Optionen, die sich in jedem Bereich bieten und empfinde große Freude dabei, meine Arbeit auf der sprichwörtlichen “grünen Wiese” zu beginnen. Nach einigen Jahren, in denen ich early stage Unternehmen beim Aufbau ihrer Teams unterstützt habe, ist nun für mich der Zeitpunkt gekommen, selbstständig zu werden. Mit novembr erfülle ich mir den Traum von Eigenverantwortlichkeit, der bereits in mir schlummerte, als ich nach Berlin kam, den ich aber erst vor Kurzem für mich richtig erfassen konnte.“

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