Alleinerziehung? In Teilzeit? „Ein Altersarmutsrisiko!“

Viele Frauen kümmern sich viel zu spät um ihre Altersvorsorge, weiß Verbraucherschützerin Stephanie Heise. Und das obwohl ihr Armutsrisiko deutlich höher ist als bei Männern. Es gilt gegenzusteuern, so früh wie möglich.

Das Thema Finanzen ist für viele Frauen noch immer unsexy. Nicht so für Stephanie Heise. Sie kam schon in ihrer Kindheit mit dem Thema in Berührung, machte es später zum Beruf. Nach vielen Jahren als Finanz- und Wirtschaftsjournalistin, unter anderem als Ressortleiterin bei der „Wirtschaftswoche“, wechselte sie 2016 zur Verbraucherzentrale NRW. Hier sieht sie täglich, wo es beim Thema Vermögensaufbau und Altersvorsorge hapert und welche Fehler vor allem Frauen machen. Im Gespräch mit Jessica Schwarzer verrät sie, wie es besser geht und was Du tun solltest.

Jessica Schwarzer: Aus welcher Motivation kommen Frauen zur Finanzberatung in die Verbraucherzentrale?

Stephanie Heise: Häufig geht es um die Altersvorsorge. Leider kommen viele relativ spät zu uns, teilweise auch zu spät. Frauen lassen sich häufig nach einer Scheidung beraten, wenn sie wissen wollen, was ihnen jetzt finanziell noch bleibt und wie sie im Alter dastehen. Oft erleben sie leider eine unangenehme Überraschung.

Warum?

Sie stehen meist schlechter da, als sie denken. Viele Frauen haben ihre Arbeitszeit während der Ehe reduziert, dadurch ist ihr Rentenanspruch niedriger. Sie haben bei ihrer Karriere zurückgesteckt, verdienen daher langfristig deutlich weniger. Der Rentenausgleich, den sie vom Ex-Mann bekommen, wiegt das nicht auf. Den gibt es auch nur für die Ehezeit.

Ist Altersarmut vor allem ein Risiko für Frauen?

Alleinerziehend zu sein ist ein Altersarmutsrisiko, Teilzeit sowieso. So hart muss man es sagen. Und Alleinerziehende und Teilzeitkräfte sind überwiegend Frauen. Leider fehlt ihnen oft der finanzielle Spielraum, um sich zum Ausgleich der niedrigeren Rente eine private Altersvorsorge aufzubauen.

Viele Frauen müssen aber Teilzeit arbeiten …

Wenn man kleine Kinder hat oder einen Angehörigen pflegt, ist das oft nötig. Aber es gibt auch Frauen, die arbeiten Teilzeit, weil das zu ihrer Work-Life-Balance passt. Das kann man machen, sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass sich das deutlich auf die Rente auswirkt. Noch mal: Teilzeit ist ein Altersarmutsrisiko.

Das ist bitter. Vor allem, weil es so vielen nicht wirklich bewusst ist …

Es gibt eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, die zeigt, dass mehr als die Hälfte der Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren davon ausgeht, dass sie trotz beruflicher Qualifikation und Erwerbstätigkeit nicht von ihrer eigenen Rente werden leben können. Sie glauben, dass sie von der Rente ihres Partners existenziell abhängig sein werden.

Trotzdem reagieren viele Frauen nicht?

Es besteht hoher Handlungsbedarf. Die Studie zeigt, dass jede fünfte verheiratete Frau zwischen 30 und 50 Jahren kein eigenes Einkommen hat, weitere 44 Prozent verdienen weniger als 1.000 Euro netto. Nur 6,5 Prozent der verheirateten Frauen haben ein eigenes Nettoeinkommen über 2.000 Euro.
Ein Ehemann ist keine Altersvorsorge! Das kann man nicht oft genug sagen.

Die Einsicht scheint sich aber nur langsam zu verbreiten …

Fakt ist leider, dass Frauen sich tendenziell immer noch weniger mit Finanzthemen befassen. Und das, obwohl sie es in puncto Altersvorsorge dringend müssten. Bei der Rente gibt es krasse Diskrepanzen zwischen dem, was Männer und was Frauen zu erwarten haben. Unsere Beratungen zur Altersvorsorge nehmen zum Glück zu. Aber das Thema ist leider für viele unsexy, so ehrlich muss man sein.

Bei Ihnen ist das anders. Woher kommt Ihre Faszination für Finanzen?

Meine Mutter hat bei der Sparkasse gearbeitet. Allerdings hat sie aufgehört, als ich auf die Welt kam – wie das in den 1960er-Jahren eben so war. Aber sie hat sich bei uns zu Hause ums Geld gekümmert. So bin ich mit dem Thema schon früh in Berührung gekommen und dann noch intensiver durch meine Banklehre.

Aber bei der Bank sind Sie nicht geblieben …

Nach der Lehre habe ich BWL und Journalistik studiert. Finanziert habe ich mir das zum Teil durch Konditionenvergleichstabellen für das „Hamburger Abendblatt“. Was kostet Ihr Girokonto? Was kostet die Baufinanzierung? Was das Wertpapierdepot? Welche Sparzinsen gibt es? Online-Vergleichsrechner gab es damals noch nicht.

Sie waren lange Zeit Finanzjournalistin. Seit gut drei Jahren arbeiten Sie nun bei der Verbraucherzentrale und sind als Bereichsleiterin auch bei Beratungsgesprächen dabei. Gehen Frauen anders mit Geld um?

Da wir unabhängig beraten und nichts verkaufen oder vermitteln, sehen wir nicht, wie sie sich im direkten Umgang mit Geld verhalten. Wir sind nicht dabei, wenn sie Anlageentscheidungen treffen oder sich für Versicherungspolicen entscheiden. Wer aber zur Beratung kommt, füllt vorher einen Fragebogen aus, notiert Einkünfte, Ausgaben, Konten, Ersparnisse, Sparverträge und Versicherungspolicen. Das gibt schon einen Aufschluss.

Und zwar?

Unsere Zahlen wären nicht repräsentativ. Aber es gibt eine interessante Studie der Österreichischen Nationalbank, deren Ergebnisse ich unterschreiben würde. Danach ist die Quote bei Frauen, die bei der Geldanlage kein Risiko eingehen wollen – auch wenn sie dann nur niedrige Erträge bekommen – deutlich höher als bei Männern. Frauen spekulieren weniger und haben mehr Scheu vor Aktien. Das sehen wir in der Beratung auch. Viele Frauen kommen überhaupt nicht auf die Idee, dass das etwas für sie sein könnte.

Ein Fehler? Empfehlen Sie Aktien?

Wer langfristig eine gute Rendite erzielen will, kommt an Aktien nicht vorbei, auch weil es kaum noch Zinsen gibt. Es muss natürlich zum Bedarf und Risikoprofil des Verbrauchers passen. Frauen tun sich damit tendenziell etwas schwerer als Männer, ihre Risikoscheu, oder positiv formuliert ihre Vorsicht, ist offensichtlich größer.

Aber Frauen sind doch eigentlich gute Anlegerinnen …

Depotanalysen zeigen immer wieder, dass Frauen, die in Aktien anlegen, erfolgreich sind, oft sogar erfolgreicher als die Männer. Auch weil sie weniger zocken, langfristiger denken und seltener handeln.

Die Verbraucherzentralen empfehlen immer wieder ETF-Sparpläne …

Sparpläne als langfristige Altersvorsorge sind grundsätzlich eine gute Sache. ETF-Sparpläne sind günstig und flexibel.

Bevor es mit Vermögensaufbau und Altersvorsorge losgeht, gilt es aber erst mal Alltagsrisiken abzusichern. Worum muss ich mich kümmern?

Die private Haftpflicht ist ein Muss, eine Berufsunfähigkeitsversicherung auch. Wenn ich eine Familie habe, ist auch eine Risiko-Lebensversicherung sinnvoll, um das Einkommen im Ernstfall abzusichern. Parallel gilt es, einen Notgroschen aufzubauen, mindestens drei Nettomonatsgehälter. Das sind die ersten Schritte, bevor ich beginnen kann, langfristig zu sparen.

Und wie fange ich das am besten an?

Man muss überlegen, wie die Lebensplanung aussieht. Vermögensaufbau und Altersvorsorge müssen zu mir und meinen Zielen passen. Wenn ich in ein paar Jahren ein Haus kaufen will, sorge ich anders vor, als wenn ich davon ausgehe, alle paar Jahre den Arbeitsort zu wechseln und zu mieten. Wer eine Immobilie kaufen möchte, braucht bis dahin einen Vermögensaufbau, der flexibel ist.

Wer das nicht plant, kann längerfristig beispielsweise mit Aktien-ETF-Sparplänen sparen.  Kursschwankungen kann man dann in Ruhe aussitzen und braucht sich keine Sorgen zu machen, in drei, vier Jahren an das Geld heranzumüssen, wenn es an der Börse vielleicht gerade nicht so gut aussieht.

Wann sollten Frauen starten?

So früh wie möglich. Man würde sich wünschen, sie kämen mit dem ersten Job und würden sich direkt intensiv um ihre Finanzen kümmern. Das ist aber leider oft nicht der Fall. Berufsanfänger wollen erst mal ihr Gehalt genießen. Das ist auch gut so. Um die notwendigen Versicherungen sollte frau sich aber trotzdem schon kümmern. Und dann ab 30 auch in Sachen Altersvorsorge aktiv werden.

Danke für das Gespräch, Frau Heise.

Mehr Informationen zur bundesweiten, kostenpflichtigen Beratung der Verbraucherzentralen findest Du hier.

Stephanie Heise

Stephanie Heise

Verbraucherschützerin

Stephanie Heise ist seit 2016 Leiterin des Bereichs Verbraucherfinanzen bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und Mitglied der Geschäftsleitung. In über 60 Beratungsstellen bietet die Verbraucherzentrale anbieterunabhängige Beratung, unter anderem zu den Themen Altersvorsorge, Versicherung und Immobilienfinanzierung. Zuletzt als Ressortleiterin Unternehmen + Märkte der Wirtschaftswoche, war Stephanie Heise zuvor mehr als zwanzig Jahre als Wirtschaftsjournalistin tätig. Ihr umfassendes Finanzwissen brachten der gelernten Bankkauffrau und studierten Diplom-Kauffrau bereits mehrere Preise ein. Dazu zählen etwa der Helmut-Schmidt-Preis für Verbraucherjournalismus und der Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik.

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