„Rohstoffe sind äußerst schwankungsfreudig“

Bei Rohstoffen denken viele Anleger*innen zuerst an Gold. In welche Rohstoffe Du noch investieren kannst, wie das genau funktioniert und wie riskant das ist, erklärt Eugen Weinberg von der Commerzbank im Interview mit Jessica Schwarzer.

Ein Barren Gold, ein Fass Öl oder ein bisschen Palladium? Rohstoff-Investments funktionieren anders als Anlagen in Aktien oder Anleihen. Außerdem schwanken die Kurse für Öl, Gas und Co. stärker. Trotzdem fasziniert viele Anleger*innen diese Anlageklasse. Eugen Weinberg beschäftigt sich seit 20 Jahren als Analyst mit dem Thema. Im Interview erklärt der bekannteste Rohstoff-Experte Deutschlands und Senior Commodity Analyst der Commerzbank, warum beim Thema Gold zwei Herzen in seiner Brust schlagen und warum der Öl-Crash am 20. April 2020 in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Jessica Schwarzer: Bei Rohstoffen denken viele Anleger*innen zuerst an Gold. Welche Rohstoffe kann ich noch an der Börse handeln?

Eugen Weinberg: Eigentlich kann man fast jeden Rohstoff über die Börse handeln: Kupfer, Öl, Gas, Gold oder Uran. Und sogar Tee, was übrigens ein sehr beliebter Rohstoff ist. An der Börse gibt es allerdings – und das ist das Wichtigste – nur eine Handvoll Rohstoffe, in die man liquide investieren kann, die man also jederzeit kaufen und verkaufen kann, weil genau hier Angebot und Nachfrage da ist. Es ist schließlich bei jeder Anlage ganz wichtig, dass man sie nicht nur kaufen, sondern irgendwann auch problemlos verkaufen kann.

Apropos Kaufen und Verkaufendas funktioniert bei Rohstoffen etwas anders als mit Aktien und Anleihen. Ich bekomme den Rohstoff nicht unbedingt „geliefert“, niemand rollt mir die Ölfässer in die Garage.

Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen Rohstoffen und anderen Anlagegütern. Es gibt nur wenige Rohstoffe, die man tatsächlich physisch beziehen kann, Gold und Silber gehören dazu. Anleger*innen können über die Börse investieren oder kaufen Münzen und Barren. Andere Rohstoffe eignen sich nicht zum Lagern. Beispiel Öl: Wenn man beispielsweise 10.000 Euro in Öl investiert und berücksichtigt, dass ein Fass Öl – das sind fast 160 Liter – aktuell rund 35 Dollar kostet, dann bräuchte man schon viel Platz oder ein größeres Becken, um das zu lagen. Diese Besonderheit macht es, dass man keinen physischen Rohstoff kauft und lagert.

…sondern Futures. Was ist das genau?

Future ist ein schönes Wort für einen Terminkontrakt für eine Lieferung in der Zukunft. Ich verpflichte mich, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Rohstoff zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Dieser Preis wird in der Zwischenzeit aber schwanken – und damit vermehrt oder verringert sich mein Investment. Die teils recht hohen Lagerungs- und Versicherungskosten für all jene, die sich das Öl wirklich ausliefern lassen, beeinflussen den Preis. Das ist ein entscheidender Unterschied zu anderen Anlageklassen und macht auch den Reiz aus. Das beste Beispiel sind die Ereignisse vom 20. April, die in die Geschichtsbücher eingehen werden. An diesem Tag hat ein Fass Öl aufgrund dieser Besonderheit, dass man es physisch nicht einlagern konnte und wollte, teilweise minus 40 US-Dollar gekostet.

Weil es in der Corona-Krise kaum noch Nachfrage, aber übervolle Lager gab?

Genau. Dass Future mal im Minus notieren könnten, hätten wir uns vorher nicht vorstellen können. Investoren mussten dafür zahlen, ihre Futures loszuwerden, um das Öl nicht abnehmen zu müssen.

Das klingt kompliziert, geht es auch einfacher?

Es gibt unzählige Anlagevehikel. Man kann beispielsweise indirekt auf Öl setzen, indem man die Aktien der ölfördernden Gesellschaften oder von den Öl-Dienstleisten, also Raffinerie-Unternehmen, Tankstellen-Anbietern oder Bohrunternehmen, kauft. Man kann auch direkt auf die Preise setzen und Exchange Traded Commodities, kurz ETC, oder Zertifikate erwerben. Man kann auch Optionen kaufen oder eben Futures.

Welche Rohstoffe eignen sich überhaupt für Privatanleger*innen?

Das kommt natürlich auf die Risikowahrnehmung und die Anlageziele an. Für die meisten Anleger*innen eigenen sich Rohstoffe nur als geringe Beimischung, nicht als größerer Baustein. Aber wichtige Trends, wie den Aufstieg Chinas oder grüne Energie kann man oft über die Rohstoffschiene besser abbilden, als über Aktieninvestitionen. Wichtig ist aber zu wissen, dass der Aktienkurs eines Rohstoffproduzenten nicht automatisch steigt, nur, weil der Preis für den entsprechenden Rohstoff anzieht.

Das müssen Sie erklären…

Vergleichen wir beispielsweise den Preis für einen physischen Rohstoff wie Platin oder Palladium und den Aktienkurs eines Platinproduzenten: Wenn es große Probleme in Südafrika gibt, dort der Strom abgestellt wird oder die Kosten steigen oder der Produzent enteignet wird, dann fällt der Aktienkurs des Unternehmens. Der Preis für den Rohstoff hingegen steigt, weil weniger produziert wird und das Angebot geringer ist.

Wie spekulativ sind Rohstoff-Investments überhaupt?

Rohstoffe sind äußerst schwankungsfreudig. Kupfer und auch Öl waren beispielsweise in den vergangenen Jahren deutlich anfälliger als die Aktienmärkte. Dieses Risikos muss man sich bewusst sein. Rohstoffe eignen sich nicht als langfristige Anlage. Sie sind zyklische Güter, je nach konjunktureller Lage sind sie mal mehr und mal weniger gefragt. Kein Rohstoff ist langfristig stark, es gibt keine starken langfristigen Trends. Mit Ausnahme von Gold, das ganz anders funktioniert.

Als Krisenwährung und sicherer Hafen?

Gold hat eine besondere Rolle. Ich sehe es nicht als klassischen Rohstoff, der seinen Wert vom Verbrauch ableitet. Gold funktioniert eher wie eine Währung, es wird nicht verbraucht, es wird nicht vernichtet. Alles Gold, was jemals gefördert wurde, ist noch da. Lediglich die Beliebtheit steigert den Wert von Gold. Und deshalb ist Gold für mich kein Rohstoff im engeren Sinne. Unabhängig von anderen Rohstoff-Investments sollte man es immer im Depot haben – als Versicherung für stürmische Zeiten.

Sind Sie persönlich ein Goldfan?

Das kann man so oder so interpretieren. Natürlich bin ich goldaffin. Es hat sich besser entwickelt als alle anderen Rohstoffe. Aber es schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Als Investor möchte einerseits natürlich, dass der Preis steigt. Andererseits wäre es nicht verkehrt, wenn ich unrecht habe. Denn das würde heißen, dass es weltweit keine weiteren Krisen geben würde und wir über längere Zeit in konjunkturell ruhigem Gewässer unterwegs wären. Gold als Krisenwährung wäre dann nicht gefragt.

Vielen Dank für das Interview!

Über Eugen Weinberg:
Eugen Weinberg ist wahrscheinlich der bekannteste Rohstoff-Experte in Deutschland. Der Senior Commodity Analyst der Commerzbank beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema. Der Dipl.-Wirtschaftsmathematiker ist in Russland geboren und aufgewachsen. Nach Deutschland kam er 1999 für ein MBA-Studium. Später arbeitete er als Fondsmanager und Rohstoffanalyst bei der BW-Bank sowie als Rohstoffexperte bei der DZ Bank, bevor er zur Commerzbank wechselte.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.
Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.

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