2022: Wird die Geldanlage weiblicher?

Frau mit blonden Locken von hinten vor einem Laptop mit Diagrammen
Rear view. Young businesswoman is sitting at table, working on laptop with graphs, charts, diagrams, schedules on screen. Online marketing, education, e-learning, e-commerce, business planning.

Nie gab es mehr Aktionär:innen in Deutschland. Rund 830.000 Menschen entdeckten 2022 die Aktienanlage für sich – mehr Frauen als Männer übrigens. Jessica Schwarzer hat die Situation unter die Lupe genommen.

Es werden immer mehr und sie werden immer jünger; und sie sind immer öfter weiblich: die deutschen Aktionäre und Aktionärinnen. So oder so ähnlich könnte man die offiziellen Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) zusammenfassen. Hierfür wurden in insgesamt 12 Wellen ca. 28.000 Personen im Alter von mindestens 14 Jahren zufällig ausgewählt und nach ihrem Anlageverhalten befragt. Ergebnis: 12,9 Millionen Menschen waren 2022 in Aktien, Aktienfonds oder ETFs investiert. Ein Plus von rund 830.000 und damit ein neuer Rekord.

Frauen holen auf

Ein weiterer Trend: Wir Frauen holen auf! 2022 haben sich mehr Frauen als Männer neu für Einzelaktien, Aktienfonds oder ETFs entschieden. Das Plus beträgt 482.000, bei den Männern sind es „nur“ 338.000. Leider setzen insgesamt aber noch immer viel weniger Frauen auf die Chancen der Aktienanlage. Nur ein Drittel der Menschen, die in Deutschland in Aktien investieren, ist weiblich. Da ist Luft nach oben!

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Zumal gerade Frauen auf diese Anlageklasse nicht verzichten sollten. Aktien haben in der Vergangenheit langfristig, also auf Sicht von zehn und mehr Jahren bei guter Risikostreuung Renditen von durchschnittlich sechs bis acht Prozent gebracht – eine Garantie für die Zukunft gibt es aber nicht. Dennoch ein möglicher Rendite-Booster, den gerade Frauen nutzen sollten. Schließlich verdienen wir noch immer weniger, zahlen weniger in die Rentenkasse ein, bauen weniger Vermögen auf und sind sehr viel öfter von Altersarmut gedroht. Ein Teil des Ersparten sollten wir deshalb an der Börse investieren. Je nach Risikoneigung darf es auch ein bisschen mehr sein. Und je früher wir anfangen desto besser. Dann profitieren wir nämlich auch vom Zinseszinseffekt.

Junge Menschen sparen regelmäßig und langfristig

Apropos jünger: Es sind übrigens vor allem die Jüngeren, genauer die Gruppe der unter 30-Jährigen, die am Aktienmarkt sehr aktiv waren. Rund 600.000 junge Erwachsene wagten sich auf das Börsenparkett – eine Steigerung von 40 Prozent zum Vorjahr (2021). Das ist der mit Abstand stärkste Anstieg im Vergleich aller Altersgruppen. Was besonders erfreulich ist: Risikostreuung wird bei Deutschlands Aktionär:innen groß geschrieben. Die Anzahl der Fonds- und ETF-Anlegerinnen und -anleger ist sprunghaft gestiegen. Rund 10,5 Millionen Menschen in Deutschland sparen mit einem Fonds oder ETF. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das deckt sich mit einem Ergebnis einer Studie aus dem Spätsommer: Junge Menschen sparen regelmäßig, für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge. Und dabei setzt die „Generation Aktie“ immer öfter auf Aktienfonds und aktienbasierte ETFs. Das ist das Ergebnis einer Studie des Center for Research in Financial Communication der Universität Leipzig, die der DIRK – Deutscher Investor Relations Verband – beauftragt und das Deutsche Aktieninstitut unterstützt hat. Das beliebteste Anlageprodukt der jungen Aktiensparerinnen und -sparer sind auch hier ETFs und Fonds (82 Prozent), gefolgt von Einzelaktien (65 Prozent). Die große Mehrheit der jungen Anlegerinnen und Anleger spart regelmäßig.

Noch immer investiert nur jede:r Fünfte an der Börse

Bei all dem Jubel: Es setzen immer noch zu wenige auf Aktien. 2022 war leider immer noch „nur“ knapp jede:r Fünfte am Aktienmarkt engagiert, also rund 18,3 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. Das ist immer noch nicht wirklich viel, aber immerhin zeigt der Trend in die richtige Richtung.

Jessica Schwarzer
Börsenexpertin & Autorin

Andere Studien gehen übrigens von einer noch höheren Aktionärszahl aus. Beispielsweise die repräsentative Studie „Aktienkultur in Deutschland“, für die im Juli und August 2022 insgesamt 2.000 Deutsche ab 18 Jahren online befragt wurden und die von der „Aktion pro Aktie“ in Auftrag gegeben wurde. Das Ergebnis dieser Umfrage: Insgesamt haben 36 Prozent der Deutschen Geld in Aktien investiert. Aktienfonds sind dabei am beliebtesten. Es kommt eben immer darauf an, wen man fragt, wie viele man fragt und wie man diese Daten dann statistisch auswertet. Fakt ist aber: Egal, welche Statistik wir bemühen, die Zahl der Aktionär:innen steigt. Und das ist gut so.

Überraschend übrigens: Die schwierige wirtschaftliche Lage der vergangenen Monate, die geopolitischen Krisen und sogar Kriege haben die Menschen nicht abgeschreckt. Das zeigt auch die Studie zur Aktienkultur: Der Ukraine-Krieg mit all den globalen Turbulenzen in Politik und Wirtschaft hat knapp vier von zehn Deutschen veranlasst, über Aktieninvestments nachzudenken. Und 13 Prozent haben auch tatsächlich ein Investment getätigt. Gut ein Viertel der Deutschen, die bereits Aktien besitzen, hat sogar mehr investiert als bisher. Die Zahlen des DAI bestätigen das eindrucksvoll. Es geht voran mit der deutschen Aktienkultur.

Übrigens: Wie sich die Aktienkultur im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat, liest Du in diesem Beitrag.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anleger:innen und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht. Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.