finanz-heldinnen Börsenweisheiten

Jeden Tag passieren eine Reihe an Geschehnissen, die den Verlauf von Wertpapieren beeinflussen. Über die Jahre hinweg haben sich einige Redewendungen etabliert, die Aktionär:innen dabei helfen sollen, kluge Anlageentscheidungen zu treffen. Was hinter den Börsenweisheiten steckt und wie viel Glaube Du ihnen schenken solltest, haben wir zusammen mit Börsenexpertin Jessica Schwarzer für Dich analysiert.

Ein Schnäppchen mit Aktien verhält sich zur Geldanlage wie ein Stück Sahnetorte zur   gesunden Ernährung.

Wer ergattert nicht gerne ein Sonderangebot? Ein Schnäppchen an den Aktienmärkten ist aber oft genauso problematisch wie ein Stück Sahnetorte als Baustein einer gesunden Ernährung.

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Schnäppchen lösen mitunter einen regelrechten Kaufrausch aus. Und wenn dann auch noch Designerstücke mit Rabatt angeboten werden, greifen wir oft beherzt zu. Einige von uns haben die Schnäppchenjagd fast schon professionalisiert und streifen regelmäßig durch Geschäfte und Outlet-Center. Auch an der Börse gibt es Schnäppchenjäger:innen. Gute Aktien günstig zu kaufen ist natürlich der Traum jedes Anlegers oder jeder Anlegerin. Es wäre die perfekte Börsenwelt: Du kaufst zu Tiefstkursen und steigst zum Höchstpreis wieder aus.

Die Schnäppchenjagd an der Börse kann teuer werden

Leider klappt das in den wenigsten Fällen. Die Schnäppchenjagd an der Börse hat nämlich ihre Tücken. Mitunter kann sie sogar ein teures Abenteuer sein, vor allem wenn sich vermeintliche Supergeschäfte als Rohrkrepierer erweisen oder – schlimmer noch – die betreffende Aktie weiter fällt. Und selbst wenn es nicht um gefallene Börsenstars geht, sondern Du Dich schlicht auf die Suche nach unterbewerteten und verlockend günstigen Aktien machst, ist der Kursgewinn alles andere als programmiert. Es hat oft einen ziemlich triftigen Grund, warum einzelne Unternehmen oder Branchen an der Börse nicht gefragt und deshalb sehr günstig sind: schwache Zahlen, ein wackeliges Geschäftsmodell, hausgemachte oder externe Probleme, Wirtschaftskrisen. Vermögensverwalter Gottfried Heller warnte einst: „Ein Schnäppchen mit Aktien verhält sich zur Geldanlage wie ein Stück Sahnetorte zur gesunden Ernährung.“ Ein lustiges Sprüchlein, dem ich aber viel abgewinnen kann.

Die Börsenweisheit beschreibt den Kern der Geldanlage. Es geht um Risikostreuung über viele Anlageklassen und Einzelanlagen und um die Ausgewogenheit eines Portfolios. Und das beschreibt die Börsenweisheit treffend: Es würde Dir schließlich auch nicht in den Sinn kommen, Deinen Kindern immer nur Kuchen und Sahnetorte vorzusetzen. Du weißt, dass zu einer gesunden Ernährung eine ausgewogene und vielseitige Kost gehört, die uns mit ausreichend Vitaminen, Kohlenhydraten und Ballaststoffen versorgt. Gesunde Ernährung ist für viele von uns eine Selbstverständlichkeit. Die Sahnetorte ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Finanzielle Gesundheit ohne Sahnetorte

Das Gleiche wie für unsere persönliche Gesundheit gilt auch für die finanzielle Gesundheit. Zu einer ausgewogenen Geldanlage gehören neben Sparbüchern, Festgeld oder festverzinslichen Anlagen eben auch Sachwerte wie Aktien oder Immobilien. Doch die Mehrzahl der Deutschen lebt bei ihrer Geldanlage finanziell eher ungesund. Unsere Mitbürger:innen sorgen nämlich extrem einseitig mit Magerkost in Form von Zinsanlagen vor. Immerhin keine Sahnetorte! Diejenigen, die doch auf Aktien setzen, jagen aber leider nur allzu oft vermeintlichen Schnäppchen hinterher – und das ist oft noch ungesünder.

Wenn Du ständig Sahnetorte isst, wirst Du nicht nur dick, sondern irgendwann mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch krank. Ähnlich ist es bei der Geldanlage. Auch bei der Schnäppchenjagd ist das dicke Ende programmiert. Einige, die es mit Aktien versuchen, glauben, man könne mit Aktien nur gewinnen, wenn man ständig auf der Lauer ist und, sobald sich ein Gewinn zeigt, schnell verkauft, also ein Schnäppchen macht. Das funktioniert aber leider nicht: Meist ist es sowieso nur Kleingeld, das Anleger:innen mit den billigen Papieren gewinnen. Doch mit der nächsten neuen Aktie ist es auch schnell wieder verloren. Das ist Zockerei und hat mit vernünftiger Geldanlage nichts zu tun. Und deshalb solltest Du an der Börse nicht auf Schnäppchenjagd gehen oder vermeintliche Sonderangebote nur beimischen. Es hat nämlich oft einen Grund, dass bestimmte Waren (und auch Aktien) auf dem Wühltisch landen. Und wer will schon einen Ladenhüter im Portfolio haben?

Börsenkurse sind wie Stöckelschuhe – je höher, desto besser?!

Zugegeben, diese Regel klingt mehr nach Stammtisch-Spruch als nach Weisheit. Und für manchen Expert:innen fällt der Spruch auch eher in die Kategorie Witz denn Börsenweisheit. Doch wir können dem Stöckelschuh-Vergleich einiges abgewinnen.

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Schon 26 Allzeithochs hat der S&P 500, Börsenbarometer für den breiten amerikanischen Aktienmarkt, in diesem Jahr markiert. Seit Anfang Januar hat er mehr als zehn Prozent zugelegt, und das in nur viereinhalb Monaten. Doch wie lange kann das noch gut gehen? Wie weit steigen die Börsen noch? Fragen, die sich Anleger:innen nach Rekorden, aber auch nach Rückschlägen immer wieder stellen. Vor allem in sehr guten Marktphasen wächst selbst bei Profis irgendwann die Skepsis, ob Aktien vielleicht schon zu teuer geworden, die Kurse zu hoch gestiegen sind.

Glaubt man der alten Weisheit „Börsenkurse sind wie Stöckelschuhe – je höher, desto besser!?“ können sie aber eigentlich gar nicht zu teuer sein. Natürlich freuen wir uns als Anleger:innen über steigende Kurse. Als Frauen wissen wir aber auch, dass Stilettos sehr wohl zu hoch sein können, dass wir irgendwann auf viel zu hohen Absätzen ins Stolpern kommen werden. Auch Börsenkurse können straucheln. Auf dem Parkett wird es immer dann gefährlich, wenn Aktienkurse ohne jede wirtschaftliche Basis steigen, Unternehmen also beispielsweise ohne Gewinnzuwächse massive Kurssteigerungen verbuchen.

Das wäre dann in etwa so, als würden unsere Pumps eine Höhe erreichen, auf der wir beim besten Willen nicht mehr laufen können. Anders als bei Pumps gibt es allerdings an der Börse keine bestimmte Höhe, bei der es unweigerlich zum Crash kommt. Bei Aktienkursen sollte daher auch nicht die absolute Zahl, sondern verschiedene Kennzahlen betrachtet werden. Sie zeigen, wann Unternehmen überbewertet sind, der Kurs also zu hoch gestiegen ist – und gegebenenfalls der Absturz droht.

Eine wichtige Kennziffer ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV. Es gibt an, in welchem Verhältnis der Gewinn eines börsennotierten Unternehmens zum aktuellen Wert an der Börse steht. Dabei wird der Kurs durch den Gewinn je Aktie dividiert. Ein niedriges KGV zeigt, dass ein Unternehmen günstig bewertet ist. Doch wann ist das KGV niedrig? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten und variiert von Branche zu Branche. Eine generelle Aussage, ab welchem KGV-Wert eine Aktie über- beziehungsweise unterbewertet ist, lässt sich nicht treffen. Als Faustregel gilt: Ein KGV unter zehn ist niedrig. Ein KGV über 20 ist teuer. Am besten vergleichst Du „Dein“ Unternehmen aber mit der Konkurrenz. Technologiewerte beispielsweise sind traditionell höher bewertet als Bank- oder Pharma-Aktien. Auch wenn das KGV kein Allheilmittel bei der Aktienbewertung und nicht die einzige Kennzahl ist, die Du betrachten solltest, ist es einer der gängigen Maßstäbe zur Aktienbewertung und gibt uns eine gute Orientierung.

Wichtig: Ein besonders hoher KGV muss nicht heißen, dass die Absätze der Stöckelschuhe nun zu hoch sind. Genauso muss ein niedriges KGV kein positives Signal sein, auch wenn Frau – um im Bild zu blieben – mit den flacheren Absätzen wahrscheinlich besser und länger laufen kann. Die Notierungen an den Märkten spiegeln immer die erwarteten Unternehmensgewinne wieder. Natürlich können Börsen heiß laufen, wenn Erwartungen eingepreist sind, die nicht mehr erfüllt werden. Es ist deshalb nötig, dass Kurssteigerungen immer einen realwirtschaftlichen Grund haben, sonst ist die Freude an den Kursgewinnen meist von kurzer Dauer. Sofern sich die Börsenkurse über einen längeren Zeitraum von der Realwirtschaft abkoppeln, entstehen Blasen, die unvermeidlich irgendwann platzen müssen.

Doch wann kracht es? Ob Aktienkurse zu hoch sind, lässt sich im Gegensatz zu den Stöckelschuhen leider nicht pauschal beantworten. Hier hinkt der Vergleich ein wenig. Während Models bei 20-Zentimeter-Absätzen samt Plateausohle auch gern mal umknicken oder stürzen und Frau in noch höheren Stilettos gar nicht mehr laufen kann, gibt es an der Börse kein festgelegtes oberes Limit und damit auch kein automatisches Ende der Aktienkursentwicklung. Ob das Laufen mit Stöckelschuhen noch möglich ist und Spaß macht, entscheidet der (realwirtschaftliche) Untergrund.

Angesicht der vielen Rekorde an der Börse müssen wir aktuell aber keine Höhenangst bekommen. Bei vielen Unternehmen sinken nämlich die KGVs gerade. Wie das sein kann, angesichts steigender Kurse? Ganz einfach: Die Gewinne und vor allem die Gewinnerwartungen steigen noch viel schneller. Der „Untergrund“, das wirtschaftliche Fundament ist scheinbar stabil. Anleger:innen können – um im Bild zu bleiben – in ihren Stöckelschuhen noch sehr gut laufen. Diese Börsenweisheit mag nach einem Kalenderspruch klingen, regt uns aber doch dazu an, über die Höhe der Kurse, über faire Bewertungen oder Übertreibungen nachzudenken.

Sell in May and go away?

Beim Blick auf den Kalender fällt vielen Börsianer:innen jetzt eine alte Weisheit ein: „Sell in May and go away…“. Was ist dran an der alten Regel? Stimmt sie überhaupt? Oder ist sie aktuell nur eine gute Ausrede, um angesichts immer neuer Rekorde an den Märkten Gewinne mitzunehmen?

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Hast Du auch ein bisschen Höhenangst, wenn Du Dir die Börsenkurse anschaust? Indizes wie beispielsweise der amerikanische S&P 500 oder der deutsche Dax haben in den vergangenen Wochen einen Rekord nach dem anderen verzeichnet. Dabei stecken wir doch noch immer mitten in der Corona-Krise. Die Börsen haben die wirtschaftliche Erholung aber wie so oft vorweggenommen. Ging das zu schnell, zu weit? Viele Börsianer:innen denken genau das. Da kommt ihnen die alte Börsenregel genau recht. Sie besagt, dass wir im Mai der Börse den Rücken kehren und den Sommer abseits des Parketts genießen sollen. Doch die alte Regel hat noch einen zweiten Teil: „…but remember to come back in September“. Es gilt also, im Herbst, pünktlich zum vierten Quartal, wieder einzusteigen.

Eigentlich heißt es ja immer, dass wir langfristig investieren sollen. Wie passt das mit dem Anlegen nach Saisonalitäten zusammen? Gar nicht. „Sell in May…“ ist emotional auch wirklich schwer umzusetzen. Denk nur an das vergangene Jahr! Du hättest einen Großteil der Erholung verpasst. Denn nach dem Crash im Februar und März ging es monatelang aufwärts. Es gibt aber auch viele Jahre, in denen die alte Börsenregel wunderbar funktioniert.

Die Dax-Historie beweist das eindrucksvoll. Seit seinem Start vor 33 Jahren sind Juni, August und September nämlich die drei schlechtesten Börsenmonate – nicht in jedem Jahr, aber durchschnittlich. Es gibt an der Börse also so etwas wie ein Sommerloch. Wer die alte Börsenregel also stur verfolgen würde, könnte eine Überrendite erzielen. Nur schaffen wir das wirklich? Sind wir so stur? Im vergangenen Jahre wäre das wirklich schwierig gewesen. Wer will schon den Kursen dabei zusehen, wie sie immer und immer weiter steigen, aber auf den September warten müssen?

Das vergangene Jahr war nicht das einzige, in dem „Sell in May…“ nicht funktionierte. Der Corona-Crash passierte im ersten Quartal 2020, auch die Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 hat uns den Jahresauftakt kräftig verhagelt. Und die Asienkrise eskalierte 1997 im Oktober. Mit Schrecken erinnern wir uns auch an den 11. September. Es gab sogar Jahre, in denen der Dax mitten im Sommer Rekordmarken setzte.

Was also anfangen mit der alten Regel? Nichts, wäre meine Empfehlung. Wenn Du Aktien, Fonds und ETFs verkaufst und kaufst, dann werden Ordergebühren fällig. Verkaufst Du mit Gewinn, schlägt der Fiskus zu. Das saisonale Hin und Her kostet. Außerdem ist die Sache sowieso nicht so eindeutig: Denn nur in 15 von 33 Jahren war die „Sell in May“-Strategie besser als der Dax. Dass es sich unter dem Strich trotzdem gelohnt hätte, der Börse im Sommer den Rücken zu kehren, liegt an einigen wenigen heftigen Ausreißern. So ist das mit Statistik.

Ich bleibe dabei: Wir sollten langfristig investieren, das tägliche oder saisonale Auf und Ab an der Börse ignorieren. Und wenn Du einen Fonds- oder ETF-Sparplan hast, dann profitierst Du sowieso vom Cost-Avarage-Effect, dem Durchschnittskosteneffekt. Mit einem Sparplan bekommst Du mehr Anteile, wenn die Kurse niedriger stehen, und weniger Anteile, wenn sie höher stehen. So gleichst Du das Auf und Ab aus, egal in welchem Monat.

Und dafür, dass „Sell in May…“ im Sommer 2021 eine gute Idee wäre, spricht aktuell nicht sehr viel. Das Zinsniveau ist noch immer niedrig, Aktien sind deshalb als Alternative gefragt. Die Notenbanken fluten die Märkte weiterhin mit Geld, auch das stützt die Kurse. Außerdem setzen Investor:innen auf eine weitere Erholung der Wirtschaft. Viele Argumente, die für Aktien und gegen einen stärkeren Kursrücksetzer sprechen. Aber wie heißt es so schön: Abgerechnet wird am Schluss, in diesem Fall im September.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin, Moderatorin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht. Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.