Aktien kaufen, Aktien halten und Aktien verkaufen

Kaufen und halten

So funktioniert der Kreislauf einer langfristigen Anlagestrategie: Das Depot wird mit Wertpapieren bestückt, diese werden über einen langen Anlagezeitraum gehalten und schließlich zum Renteneintritt liquidiert. Was hinter Buy-and-Hold steckt und welche Möglichkeiten es noch gibt, Dein Depot zu entsparen, erfährst Du in diesem Beitrag.

„Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“ So einfach ist das, laut André Kostolany. Und der muss es wissen, war er doch ein extrem erfolgreicher Börsianer

Geprägt durch Geschichten von Eltern und Bekannten, ist die Denkweise, dass es sehr aufwändig sei, in Aktien zu investieren, unter noch-nicht-Anleger:innen weit verbreitet. Oft wird ein Bild von ständigem Kaufen und Verkaufen gemalt. Finanznachrichten müssen täglich konsumiert werden und ein Finger hat immer am Knöpfchen zu sein, um den nächsten großen Deal nicht zu verpassen.

Kann man sicherlich so machen, muss man aber nicht. Im Gegenteil: Häufiges Kaufen und Verkaufen ist laut Studien schlecht für die Rendite.

Warum Buy-and-Hold funktioniert

Was viele zu Anfang nicht wissen: Jeder Kauf und Verkauf kostet Geld, denn der Broker, der Deinen Auftrag ausführt, möchte schließlich auch bezahlt werden. Oftmals kostet so ein Trade zwischen einem und fünf Euro – und zwar jedes Mal, wenn Du kaufst oder verkaufst. Dieses Geld kannst Du also nicht investieren, sondern es geht für Gebühren drauf.

Die Unterschiede zwischen Neobrokern, Online-Brokern und Banken und wie sie Geld verdienen, erfährst Du in Podcastfolge #123. Hör mal rein!

Hinzu kommt, dass Du nicht wissen kannst, wie sich der Aktienkurs in Zukunft entwickeln wird. Den Blick in die Glaskugel hat niemand. Demnach können Anleger:innen also nicht wissen, wann ein guter Zeitpunkt zum Kaufen oder Verkaufen ist? Vielleicht denkst Du Dir: „Super, meine Aktie ist heute gestiegen. Dann werde ich sie mal mit Gewinn verkaufen.“ Du verkaufst und am nächsten Tag steigt der Kurs aber noch viel weiter. Dann ärgerst Du Dich oder kaufst sie wieder zurück, aber diesmal zu einem teureren Preis, denn der Wert ist ja in der Zwischenzeit gestiegen. Emotionen an der Börse sind menschlich, können aber manchmal in die Irre führen.

Da hilft nur: Kaufen und halten. Ganz einfach. Ganz langweilig.

Zeit ist der entscheidende Faktor

Buy-and-Hold beinhaltet vor allem auch, in Krisenzeiten nicht zu verkaufen. Denn auch hier stellt sich wieder die Frage: Wann sind die Krise und das vermeintliche Kurstief überstanden? Keine:r weiß es, auch Du nicht. Wenn Du zu einem schlechten Zeitpunkt verkaufst, verlierst Du bares Geld.

Börsenerfolg ist ein Marathon, kein Sprint. Denn nur auf lange Sicht sprudeln die Gewinne und das Verlustrisiko baut ab. Vergangene Kursentwicklungen zeigen, dass zehn und mehr Jahre ein guter Anlagehorizont sind. So lange muss man schon durchhalten.

Außerdem ist Buy-and-Hold viel entspannter als aktives Handeln. Du erarbeitest einmal Deine Strategie, richtest bspw. einen ETF-Sparplan ein und tust ab da einfach gar nichts mehr. Zumindest bis Du Deine Aktien verkaufen willst.

Depot „verfrühstücken“ und Aktien verkaufen

Wenn Du Deinen Fonds- oder ETF-Sparplan über Jahrzehnte laufen lässt, kannst Du Dich am Ende voraussichtlich über eine stolze Summe freuen. Das zeigt der Blick auf die Statistik des Fondsverbands BVI: Wenn Du 30 Jahre lang 100 Euro pro Monat in einen global investierenden Aktienfonds gespart hättest, dann hättest Du Dich über eine durchschnittliche jährliche Rendite von 6,4 Prozent freuen können. Aus 36.000 Euro, die Du investierst hättest, wären zum Stichtag 30. Juni 2022 stolze 105.595 Euro geworden. Und jetzt stell Dir vor, Du hättest 200 oder 300 Euro investiert. Je höher die Summe am Ende ist, desto besser für Deinen unbeschwerten Lebensabend ohne finanzielle Sorgen.

Aber was heißt eigentlich „am Ende“? Endet der Sparplan mit Deinen Renteneintritt? Und dann? Das Depot leerräumen und die Aktien verkaufen? Und wohin mit dem Geld? Grundsätzlich hast Du mehrere Möglichkeiten. Und wie immer bei der Geldanlage kommt es auf Deinen Anlagetyp, Deine Ziele und Deinen Anlagehorizont an. Letzteren hast Du natürlich immer noch, auch wenn er mit Deinem zunehmenden Alter geringer wird. Wirst Du aber 80, 90 oder sogar 100 Jahre alt, dann sind das schon noch einige Jahre im wohlverdienten Ruhestand.

Das persönliche Budget neu berechnen

Was tun mit dem Depot? Du musst Dir einige Fragen stellen, ein bisschen rechnen. Wie viel Rente bekommst Du – gesetzlich wie privat? Wie viel Geld landet Monat für Monat auf dem Konto und wie viel brauchst Du – Stichwort Rentenlücke. Expert:innen warnen, dass wir Deutschen eine monatliche Rentenlücke von 500 bis 1.500 Euro haben. Frauen eher 1.500 Euro, Männer eher 500 Euro. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass Du monatlich 1.000 Euro zusätzlich benötigst. Es fehlen also 12.000 Euro pro Jahr. Hier kommt Dein Depot ins Spiel. Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Du nun vorgehen könntest.

Das Sparkonto

Möglichkeit Nummer eins wäre, das gesamte Depot leer zu räumen, also alle Deine Aktien zu verkaufen und das Geld dann auf ein Sparkonto zu legen. Das macht aber wenig Sinn, denn das Geld kann nicht weiterarbeiten. Egal wie die Zinslage sich entwickelt: Du wirst auch später kaum Zinsen bekommen, die Renditen an der Börse waren langfristig gesehen schon immer besser – allen Schwankungen zum Trotz. Solltest Du Dich dennoch mit dieser Variante am besten fühlen, kannst Du sie natürlich umsetzen.

Die Sofortrente

Möglichkeit Nummer zwei wäre natürlich, das Geld nicht auf ein Sparkonto zu legen, sondern in eine private Rentenversicherung zu stecken. Der Versicherer zahlt Dir dann eine Sofortrente. Leider sind die Renditen mau, Du wirst Deine Rentenlücke kaum schließen können. Es gibt aber einen entscheidenden Vorteil: Es handelt sich um eine garantierte lebenslange Rente. Der Versicherer zahlt als bis zu Deinem Tod monatlich Summe X. Je älter Du wirst, desto eher lohnt sich eine solche Police.

Das Depot „verzehren“ und Aktien verkaufen

Möglichkeit Nummer drei wäre es, dass Du zwar den Sparplan beendest, die Fonds- oder ETF-Anteile aber behältst. Du könntest dann Jahr für Jahr bspw. im Januar Anteile für 12.000 Euro verkaufen und so Deine Rentenlücke schließen. Der Vorteil: Das verbleibende Kapital arbeitet weiter an der Börse, Du kannst noch immer von den möglichen Renditen an der Börse profitieren. Nachteil: Dein Geld ist natürlich auch weiterhin den Risiken der Kapitalmärkte ausgesetzt. Es kann einen Crash geben oder auch nur eine schmerzhafte Korrektur. Niemand weiß, wie lange dann die Erholung dauert. Kannst Du und willst Du das im Alter noch? Das ist auch eine Frage Deines Anlagehorizonts. Kannst Du so einen Crash überhaupt noch aussitzen? Noch einen weiteren Punkt solltest Du bedenken: Irgendwann ist Dein Kapital aufgebraucht und das Depot leer.

Der automatisierte Auszahl- oder Entnahmeplan

Möglichkeiten Nummer vier und fünf automatisieren das Ganze mit einem Entnahme- oder Entsparplan. Das ist quasi der Sparplan rückwärts gedacht, als Auszahlplan. Bei manchen Banken heißt der Entnahmeplan auch Renta- oder Rentenplan. Auch bei diesen Möglichkeiten bleibst Du (wie in Variante drei) investiert – mit allen Chancen und Risiken der Kapitalmärkte. Du bekommst aber eine monatliche Auszahlung, ähnlich wie eine Rentenzahlung. Die Dauer und die Höhe der Auszahlungen kannst Du in der Regel sehr flexibel wählen und jederzeit anpassen; ähnlich wie bei einem Sparplan auch.

Die Entsparpläne gibt es in zwei Versionen: mit und ohne Kapitalverzehr. Wählst Du die regelmäßige Entnahme mit Kapitalverzehr, wird Dir so lange ein fester Betrag bezahlt, bis das Kapital aufgebraucht ist. Wählst Du die Variante ohne Kapitalverzehr, werden die Entnahmen aus den jährlich erwirtschafteten Erträgen, also Dividenden und Zinsen, bestritten. Das Fondsvermögen selbst bleibt unberührt. Diese Variante macht aber nur Sinn, wenn Dein Depot einige hunderttausend Euro schwer ist.

Das klingt alles recht theoretisch. Es gibt im Internet einige clevere Rechner, mit denen Du ein Gefühl dafür bekommst, welche Auszahlungen möglich sind und wie lange das Kapital reichen könnte.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Aktien kaufen und halten kann bei einem langen Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren eine rentable Strategie sein.
  • Du hast mehrere Möglichkeiten, Deine gesetzliche Rente mit den Fonds- und ETF-Anteilen aus Deinen Sparplänen aufzustocken.
  • Das Depot leer zu räumen und damit auf einen Schlag alle Aktien verkaufen zu müssen und das Geld auf ein Sparkonto zu legen, macht wenig Sinn. Du bekommst keine oder kaum Zinsen, profitierst nicht mehr von der Rendite an der Börse.
  • Eine Sofortrente bietet zwar eine lebenslange garantierte Rente, die Rendite ist aber mau.
  • Jahr für Jahr für eine bestimmte Summe Fonds- und ETF-Anteile zu verkaufen, macht mehr Sinn.
  • Mit einem Entnahme- oder Entsparplan automatisierst Du das Ganze. Es gibt diese Auszahlpläne mit und ohne Kapitalverzehr.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer
Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anleger:innen und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht. Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.