nachhaltige Investments

„Nachhaltigkeit und der Gedanke an die Zukunft liegt vielen Menschen am Herzen.“

Anlegen mit gutem Gewissen ist „in“. Immer mehr Anleger*innen möchten auf nachhaltige Strategien setzen. Doch wie funktioniert das? Worauf müssen sie achten? Welche Fallstricke gibt es? Claudia Müller, Gründerin des „Female Finance Forum“, beantwortet Jessica Schwarzer die wichtigsten Fragen.

Jessica: Nachhaltigkeit ist ein Megatrend. Auch Privatanleger*innen haben ihn für sich entdeckt. Warum interessieren sich gerade Frauen für das Thema?

Claudia: Frauen haben häufig ein starkes Bedürfnis, sich mit ihrer Geldanlage wohlzufühlen. Das heißt, dass wir verstehen wollen, was wir tun; das heißt auch, dass wir nicht in Rüstungsindustrie oder Kinderarbeit investieren wollen. Nachhaltigkeit und der Gedanke an die Zukunft – und zukünftige Generationen – liegt heute vielen Menschen am Herzen.

Wie kann ich nachhaltig anlegen?

Es gibt von fast allen „herkömmlichen“ Möglichkeiten auch nachhaltige Varianten: Aktien, Anleihen, Fonds, ETFs, Immobilien… Ich muss mich in meiner Strategie und Risikostreuung also nicht einschränken. Es ist nur wichtig, daran zu denken: Nur, weil eine Investition ökologisch nachhaltig ist, heißt das nicht automatisch, dass es auch eine wirtschaftlich tragfähige und renditereiche Investition ist.

Fonds und ETFs haben verschiedene Schwerpunkte, wie informiere ich mich?

Der erste Schritt ist, über meine eigenen Schwerpunkte und Präferenzen Klarheit zu bekommen. Was bedeutet Nachhaltigkeit für mich?

Dann kann ich über Plattformen oder Suchportale nach verschiedenen Optionen suchen. Das Forum Nachhaltige Geldanlage bietet viele Informationen zum Thema, ebenso wie die Verbraucherzentrale. Hilfreich ist, sich bei unabhängigen Quellen zu informieren.

Was steckt hinter dem Kürzel ESG, das so viele nachhaltige Produkte ziert?

ESG ist die am weitesten verbreitete Definition für Nachhaltigkeit. Es steht für Environment (Umwelt), Social (Sozial) und Governance (gute Unternehmensführung). Diese Abkürzung bietet eine gute Orientierung, nach der man Ausschau halten kann.

Es gibt aber keine allgemein gültige Definition, kein Siegel, oder?

Bislang gibt es keine allgemein gültige Definition, was eine enorme Schwierigkeit darstellt. Die EU arbeitet aber an einer einheitlichen Definition für nachhaltige Geldanlage.

Besteht die Gefahr, dass mit dem Thema auch Schindlunder getrieben wird?  Stichwort „Green Washing“.

Die Gefahr besteht definitiv. Zum einen nennt sich vieles „nachhaltig“, was möglicherweise unserer eigenen Meinung nach nicht nachhaltig ist. Unternehmen möchten gerne so tun, als wären sie nachhaltig, weil die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen so hoch ist. Schaut man genauer hin, werden lediglich die Zahlen poliert, aber die Strukturen wurden nicht verändert. Zudem muss man bei dem Thema wissen, dass z.B. bei einer Nachhaltigkeitsbewertung basierend auf den ESG-Kriterien Durchschnittswerte genommen werden. Ein Unternehmen kann also schlechte Werte in einem Bereich – E, S oder G – durch gute Werte in einem anderen Bereich ausgleichen. Das kann dazu führen, dass ein Unternehmen, das zwar schlechte Produktionsbedingungen hat, sich aber stark für Umweltschutz engagiert, insgesamt relativ gut abschneidet. Hinzu kommt, dass ein weit verbreiteter Ansatz ist, die nachhaltigsten Unternehmen jeder Branche in einem Fonds zu kombinieren. Nur, weil ein Unternehmen zu den besten Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit gehört, heißt das nicht zwangsläufig, dass es auch wirklich gut ist. Vielleicht sind alle anderen einfach nur schlecht.

Gefühlt geht es in der Diskussion nur um das „E“ wie Environment, also die Umwelt. Stimmt das?

Der Umweltaspekt ist leichter nachvollziehbar und besser sichtbar als der „Social“- oder der „Governance“-Aspekt. Umwelt- oder Klimaschutz ist leichter zu kommunizieren als gute Arbeitsbedingungen, Mitarbeitervertretung oder faire Steuerzahlungen. Außerdem liegt in der allgemeinen Diskussion momentan ein starker Fokus auf Klimaschutz, auch durch die „Fridays for Future“-Bewegung. Die beiden anderen Aspekte sind aber für die Nachhaltigkeit genauso wichtig.

Wie wichtig sind das S und G aus Anlegersicht?

Sehr wichtig! Wenn ich mich nur auf das E konzentriere, also den Umweltschutz, kann es passieren, dass ich mich auch in meiner Geldanlage beispielsweise auf wenige Branchen konzentriere. Eine ausgewogene Nachhaltigkeit mit allen drei Aspekten verhindert, dass die Risikostreuung meiner Geldanlage zu sehr reduziert wird.

ESG-konformes Anlegen ist quasi Anlegen mit gutem Gewissen. Wie sieht es mit der Rendite aus?

Interessanterweise ist die Rendite nachhaltiger Geldanlage durchschnittlich nicht schlechter als die von herkömmlichen Geldanlagen; in der Tendenz ist sie sogar etwas besser. Das liegt vor allem daran, dass die Krisen bei nachhaltigen Unternehmen weniger stark ausgeprägt sind. Diese Rendite gleicht die manchmal etwas höheren Kosten definitiv aus.

Wenn die Nachfrage nach nachhaltiger Geldanlage immer weiter steigt, übt das auch Druck auf Unternehmen und Kapitalanlagegesellschaften aus?

Auf jeden Fall! Es ist klar ersichtlich, dass die Nachfrage nach nachhaltiger Geldanlage dazu geführt hat, dass mehr Unternehmen oder Fonds für nachhaltige Anleger*innen attraktiv werden wollen und sich daher nachhaltiger aufstellen. Unser Konsum ist bei der Nachhaltigkeit der größte Hebel; die nachhaltige Geldanlage hat aber auch eine messbare Wirkung, die wir mit sehr geringem Aufwand erzielen können.

Claudia, danke für das Interview!

Claudia Müller

Claudia Müller

Gründerin des Female Finance Forum

Die Ökonomin Claudia Müller hat mehrjährige internationale Arbeitserfahrung, unter anderem bei der Deutschen Bundesbank, wo sie für das Thema Green Finance verantwortlich war. 2017 hat sie das Female Finance Forum gegründet. Im Female Finance Forum lernen Frauen von- und miteinander den Umgang mit Geld und Finanzprodukten. Vorträge und Seminare bietet Claudia Müller insbesondere Arbeitgeber*innen an, die so Gleichstellung in ganz neuen Bereichen leben können.

 

Annette Siragusano

Annette Siragusano

Leiterin Unternehmenskommunikation bei comdirect & Vorstand Stiftung Rechnen

Annette Siragusano leitet die Unternehmenskommunikation der comdirect bank AG. Als Digital Mind liebt sie Innovationen, Zukunftsthemen und spannende Formate wie zum Beispiel das Finanzbarcamp. Zuvor war sie unter anderem Leiterin Marketing sowie Leiterin Interne und Pressekommunikation der PlanetHome AG, einem Unternehmen der Unicredit Gruppe. Als Mutter ist ihr das Thema frühe Finanzbildung besonders wichtig. Mit ihren Kolleginnen hat sie die finanz-heldinnen gegründet, da sie der Überzeugung ist, dass Geldanlage kein Hexenwerk ist und es wichtig ist in Sachen Finanzen den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Und das eher heute als morgen.

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