„Private Überschuldung wird noch immer tabuisiert“

Das Thema Überschuldung ist mit vielen Vorurteilen belastet. Dabei ist es selten das Konsumverhalten, das uns in finanzielle Schieflage bringt. Sally Peters, Leiterin des Instituts für Finanzdienstleistungen, räumt mit Vorurteilen auf und zeigt Wege aus der Krise.

Während ihrer Arbeit für die Schuldenberatung hat Sally Peters viele Leidensgeschichten und Dramen gehört. Sie hat es vor allem interessiert, genauer zu erfahren, wie finanzielle Schwierigkeiten entstehen. Und natürlich ging es auch darum, wie man Ratsuchende dabei unterstützen kann, ihre finanzielle Krise zu bewältigen. Es war für Sally nur logisch, dass sie auch ihre Doktorarbeit zu diesem Thema geschrieben hat und heute noch dazu forscht. Im Interview mit Jessica Schwarzer erklärt Sally, warum immer mehr Frauen in die Überschuldung rutschen und räumt mit vielen Vorurteilen auf.

Jessica: Wie groß ist das Problem Verschuldung in Deutschland?

Sally: Eine Verschuldung ist nicht per se problematisch und ist, sofern die Schuld beglichen wird, ein normales und vor allem erwünschtes wirtschaftliches Verhalten. Problematisch wird es, wenn Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllt werden können.

Aber was, wenn wir überschuldet sind?

In Deutschland sind circa 6,93 Millionen Personen – also rund jede zehnte erwachsene Person – überschuldet. Das Problem: Die Schuldnerberatung erreicht aber schätzungsweise nur eine von zehn Personen. Das Thema der privaten Überschuldung wird noch immer tabuisiert. Dabei ist Überschuldung eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die mit massiven Belastungen für Betroffene verbunden ist. Schulden belasten Gesundheit, die Beziehung in der Familie oder auch den Job.

Ab wann gelte ich überhaupt als überschuldet?

Bis heute gibt es keine verbindliche Definition für den Begriff. Grundsätzlich kann man sagen: Ich gelte als überschuldet, wenn ich über einen längeren Zeitraum nicht in der Lage bin, meinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

Wie viele Frauen sind überschuldet?

2,7 Millionen überschuldeten Frauen stehen 4,22 Millionen überschuldete Männer gegenüber. Zwar sind Männer demnach deutlich häufiger überschuldet als Frauen, allerdings hat wie schon im Vorjahr nur bei den Frauen die Zahl der Überschuldungsfälle zugenommen – nämlich von 2,67 auf 2,7 Millionen. Seit 2004 ist die Anzahl überschuldeter Frauen von 6,09 auf heute 7,65 Prozent gestiegen, das entspricht jährlich mehr als 615.000 Überschuldungsfällen. Die Überschuldungsquote der Männer liegt bei 12,46 Prozent. 

Woran liegt das?

Unterschiedliche Überschuldungsquoten bei Männern und Frauen sind seit Jahren auf ähnliche Faktoren zurückzuführen. Männer sind in den meisten Haushalten noch die Hauptverdiener und das grundsätzliche Gehaltsgefälle zwischen Frauen und Männern führt einigen Studien zufolge auch zu einer höheren Risikobereitschaft der Männer. Gleichzeitig übernehmen Frauen aber zunehmend die Schuldenlast oder die Einkommenslast als Alleinerziehende. Ein geringes Einkommen beziehungsweise die alleinige Sorge- und Finanzverantwortung für Kinder machen wiederum anfälliger für finanzielle Probleme.

Welche Hauptauslöser siehst Du für Überschuldung?

Auf alle Fälle bezogen konnten wir in unserem jährlichen Überschuldungsreport feststellen, dass Hauptauslöser Arbeitslosigkeit und reduzierte Arbeit (23,1 Prozent), Einkommensarmut (9,6 Prozent), Krankheit (10,0 Prozent), Scheidung und Trennung (10,5 Prozent), Konsumverhalten (9,7 Prozent) und Selbstständigkeit (8,6 Prozent) sind. Besonders Menschen mit wenig Einkommen sind gefährdet, sich zu überschulden. Das liegt daran, dass es ihnen besonders schwerfällt, auf unerwartete Ereignisse wie Arbeitslosigkeit, Trennung oder gesundheitliche Probleme zu reagieren.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Die Ursachen sind zwar grundsätzlich vielfältig, dennoch lassen sich geschlechtsspezifische Besonderheiten feststellen. In 16,6 Prozent der weiblichen Fälle sind Trennung, Scheidung oder Tod des Partners beziehungsweise der Partnerin Hauptauslöser für eine Überschuldung gewesen. Das ist besonders auffällig, da dies nur in zehn Prozent der männlichen Beratungsfälle vorkam.

Wahrscheinlich trifft es vor allem Alleinerziehende?

In der Bewältigung ihres Alltags sind sie besonders herausgefordert, ja. Und mit steigender Anzahl der Kinder nimmt das Risiko einer Überschuldung weiter zu. Der Anteil Alleinerziehender in der Schuldnerberatung ist 2,6-mal so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Bei mehr als zwei Kindern ergibt sich sogar ein vierfach höheres Risiko als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Apropos Beratung, wie läuft das ab?

Im Falle einer Überschuldung kann die Schuldnerberatung dabei unterstützen, finanzielle Vereinbarungen mit den Gläubigern zu treffen. Ebenso unterstützen sie bei der Existenzsicherung sowie dabei mit den Folgen der finanziellen Krise umzugehen. Viele Menschen belastet so eine Krise sozial und psychisch.

Wann sollte oder sogar muss ich ein solches Angebot in Anspruch nehmen?

Eine nicht gezahlte Rechnung muss nicht sofort in die Schuldnerberatung führen. Ein Haushaltsplan kann dabei helfen, zu schauen, woran es gelegen hat. Kommt es immer wieder zu Zahlungsschwierigkeiten, kann professionelle Unterstützung dabei helfen, das Problem langfristig in den Griff zu bekommen. Erhält man zum Beispiel Mahn- und Vollstreckungsbescheid, hat Probleme mit dem Konto, weiß nicht genau, wo man Schulden hat oder es ist sogar unklar, ob die nächste Miete oder Stromrechnung gezahlt werden kann, sollte schnellstmöglich Kontakt mit der nächsten Beratungsstelle aufgenommen werden.

Wie „einfach“ kommt man aus der Überschuldung wieder raus?

Es kommt immer auf den Einzelfall an. Es kann sich lohnen, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, die einen ausführlich aufklären und erläutern, was zu tun ist. Die Beratung ist vertraulich und niemand erfährt, dass man da war.

Warum engagierst Du Dich so vielfältig in diesem Bereich?

Überschuldung ist noch viel zu häufig normativ belegt. Nur wenigen ist bewusst, dass der Hauptauslöser für Überschuldung nicht in der Mehrheit das Konsumverhalten ist, sondern viel öfter in Problemen wie Arbeitslosigkeit, gesundheitlichen Problemen oder Scheidung und Trennung liegt. Viele Menschen schämen sich daher, sich Hilfe zu suchen. Sie haben Angst vor Moralpredigten. Es wird leider noch immer viel zu wenig über finanzielle Themen gesprochen. Es ist wichtig über Geld zu sprechen und auch darüber zu sprechen, wenn es mal schiefgeht.

Danke für das Interview.

Weiterführende Infos und Beratungsangebote:

Einige gemeinnützige Träger und Wohlfahrtsverbände bieten eine Online-Beratung in Form von E-Mail-Beratung oder Chats an. Damit lassen sich lange Wartezeiten und weite Anfahrtswege vermeiden und Schwellenängste überwinden. Die aufgeführten Angebote sind anonym, kostenfrei und datensicher.

Dr. Sally Peters

Dr. Sally Peters

Leiterin des Instituts für Finanzdienstleistungen

Dr. Sally Peters ist promovierte Sozialpädagogin und hat sieben Jahre in der Schuldnerberatung gearbeitet. Mittlerweile leitet sie das Institut für Finanzdienstleistungen, ein unabhängiges Forschungsinstitut in Hamburg. Einer der Schwerpunkte des Instituts ist das Thema Überschuldung. Auf Konferenzen und bei Veranstaltungen macht Peters auf das Thema aufmerksam. Zudem forscht sie auf diesem Gebiet, weil ihrer Meinung nach viel zu wenig passieren.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.
Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.

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