Hauptberuf Vater: Wie dieses Familienkonstrukt funktionieren kann

Gerd Göbel ist Vater und hat seine Priorität auf die Erziehung der zehnjährigen Tochter gelegt. Während seine Frau in Vollzeit arbeitet, übernimmt er seit der Elternzeit den Hauptteil der Erziehung und arbeitet seither in Teilzeit. In Deutschland hat das Seltenheitswert: Er gehört damit zu den weniger als drei Prozent der Männer, die als erwerbstätiger Elternteil in Elternzeit gehen.*
Mit den finanz-heldinnen sprach Gerd über diese Entscheidung, die Rolle seines Arbeitgebers dabei und was Unternehmen tun können, um Vätern diesen Weg zu erleichtern.

finanz-heldinnen: Gerd, Du hast Dir eine 30-monatige Elternzeit genommen und bist danach in Teilzeit gegangen. Deine Frau arbeitet Vollzeit. Wie seid Ihr hinsichtlich finanzieller Aspekte zu dieser Entscheidung gekommen?

Gerd Göbel: Ich war in meiner Elternzeit immer in Teilzeit beschäftigt. Zuerst 40 % an zwei Tagen in der Bank, dann 60 % an 3 Tagen. Die Entscheidung, dass ich Elternzeit nehmen würde, wurde unter dem Aspekt der Verwirklichungswünsche und Lebenszielsetzungen getroffen. Meine Frau wollte sich weiter im Beruf entwickeln und ich konnte mir gut vorstellen, meinen Schwerpunkt auf die Erziehung unserer Tochter zu setzen. Denn es war klar, dass wir aktive Eltern sein wollen.

Du bist nicht in Deine vorigen Rolle als Führungskraft zurückgekehrt. War es für Dich klar, dass Du diese Rolle aufgeben möchtest oder eine logische Konsequenz?

Während meiner Elternzeit war ich durchgängig in einer Führungsfunktion als Gruppenleiter Portfoliomanagement. Dies war sehr bewusst mit meinem Vorgesetzten abgestimmt, der mich auch weiterhin in dieser Funktion haben wollte. Als es dann zu einer Umstrukturierung im Asset-Management kam, habe ich die Elternzeit beendet und bin auf 80 % hochgegangen. Die Monate danach haben mir gezeigt, dass die vielfältigen Aufgaben in diesem komplexen Umstrukturierungsprozess nicht in Teilzeit zu bewältigen waren. Ich wurde meinen Ansprüchen als Vater und denen in der Qualität meiner Arbeitsleistung nicht mehr gerecht. Daher habe ich in dieser Lebensphase eine klare Entscheidung getroffen: Ich habe meine Stelle als Führungskraft aufgegeben und meine Arbeitszeit wieder auf 60 % reduziert. Es war eine bewusste Entscheidung für die Familie, denn nur so ließ sich unser Familienmodell darstellen.

Hatte das Thema Finanzen Einfluss auf die Entscheidung, wer von Euch wie viel Zeit arbeitet bzw. sich der Erziehung Eurer Tochter widmet?

Das Thema Finanzen ist sicherlich ein wichtiger Aspekt, aber da schaut jeder anders drauf. Bei uns hat es eine untergeordnete Rolle gespielt.  Im Vordergrund stand für uns unsere persönliche Situation, das für uns Wichtige, unsere Tochter aktiv erleben und begleiten zu können. Meine Frau hat ihren Arbeitsplatz in Bonn und sie ist in der Woche überwiegend dort oder geschäftlich unterwegs. Wir waren uns einig, dass wir nicht beide „Vollgas“ geben konnten, wenn wir unserem Familien-Anspruch genügen wollen. Daher haben wir uns als Familie für „unser Modell“ entschieden. Am Ende muss jeder „sein Modell“ finden, um glücklich zu sein.

Welchen Einfluss hatten staatliche und gesetzliche Regelungen wie z.B. Elterngeld, Rentenansprüche etc. auf Eure Entscheidung?

Die staatlichen Regelungen sind eine gute Sache und haben im Grundsatz sicherlich mehr Väter davon überzeugt, zumindest zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Für mich war es eine Frage der Einstellung, ich wollte diese lange Elternzeit. Wesentlich war die Bereitschaft meines Vorgesetzten, mit mir diesen Weg zu gehen.

Wie habt Ihr in der Ehe den Punkt Altersvorsorge geregelt? Ist das ein Punkt, den Ihr separat diskutiert habt und angegangen seid? Wenn ja, wie?

Ja, der Punkt Altersvorsorge ist für uns wichtig. Schon in jungen Jahren, während meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass regelmäßiges Sparen wichtig ist. So haben wir beide schon frühzeitig eine Lebensversicherung abgeschlossen, die neben der gesetzlichen Rente, für Einkommen im Alter sorgen soll. Außerdem bin ich als Portfoliomanager ein überzeugter Anleger in Aktien. Wir haben uns über die Zeit ein Portfolio an Aktien (Standartwerte mit guter Dividendenrendite) aufgebaut. Zusätzlich dazu sparen wir monatlich einen gewissen Betrag in einen ETF-Sparplan. Übrigens auch für unsere Tochter, seit Ihrer Geburt.

Was sollte im Vorwege geklärt werden, damit sich mehr (werdende) Väter für Eltern- und Erziehungszeit entscheiden und auch entscheiden können?

Ich habe unsere Pläne sehr frühzeitig mit meinem Vorgesetzten besprochen und mit ihm gemeinsam einen Weg erarbeitet, der für beide gangbar und für das Unternehmen zielführend war. Einfach nur ankommen und zu sagen, „ich mach jetzt Elternzeit, das steht mir zu“ halte ich nicht für richtig.

Was können Unternehmen tun, damit Karriere und Familie sich nicht gegenseitig ausschließen müssen?

Es hängt entscheidend von den handelnden Personen ab. Es gibt Führungskräfte, die sich mit Elternzeit für Väter schwertun. Dort konkret anzusetzen und gemeinsam die Fragen, die sich stellen können im Vorfeld zu klären als auch mögliche Herausforderungen gemeinsam zu gestalten, wäre sinnvoll. Im Besonderen sind Programme, wie sie die Commerzbank schon lange anbietet, wie z.B. „Keep in touch“ sind sehr hilfreich. Ebenso die Unterstützung des HR / Diversity Bereiches.

Stichwort: Homeoffice. Wie habt Ihr die Betreuung und Arbeit in Zeiten von Corona erlebt und geregelt?

Der erste „Lockdown“ war schwierig. Wir waren nicht auf Homeschooling vorbereitet, und wussten nicht, was da auf uns zukommt. Die Schule hat uns, so wie das auch viele andere Eltern wahrgenommen haben,  im Stich gelassen. Unsere Tochter wollte immer morgens frühanfangen, ihre Aufgaben des Tages zu erledigen (damit sie dann den Tag frei hat). Also haben wir von 7.00 bis 9.00 Uhr abwechselnd mit ihr gelernt. Dann sind wir „online gegangen“ und haben uns dann mit Kochen abgewechselt. Natürlich hat mir dabei geholfen, dass ich immer noch in Teilzeit arbeite. So konnte ich mich dann am Nachmittag um unsere Tochter kümmern.

Möchtest Du für Deine Kinder mit dem Modell, wie Ihr es vorlebt, als Familie auch ein Vorbild sein?

Eltern sollten immer den Anspruch haben und ihn verwirklichen wollen, Vorbild für die Kinder in ihrer Haltung, Lebensvorstellung und -umsetzung sein. Von daher ja. Aber wie schon gesagt, es ist „unser Modell“ und jede Familie muss für sich abwägen, welcher Weg der richtige ist.

*Quelle: Statista – Elternzeitquote nach Geschlecht in Deutschland

Über Gerd Göbel

Gerd ist seit März 2000 bei der Commerzbank AG angestellt, wo er als Senior Portfoliomanager tätig ist. Seit Geburt seiner Tochter vor zehn Jahren ist er beruflich kürzer getreten, um sich stärker auf die Erziehungsaufgabe konzentrieren zu können. Gerd engagiert sich gemeinsam mit anderen Kollegen im Väternetzwerk der Commerzbank „Fokus Väter“.

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