Wachstum oder Substanz – zwei Anlagestile

Anlagestile gibt es viele, zwei sehr bekannte sind „Value“ oder „Growth“. Was macht sie aus? Wann ist eine Aktie ein Substanz- und wann ein Wachstumstitel? Und wieso kann sie beides sein?

„Value“ oder „Growth“, das war unter Investoren lange die Frage nach „Schwarz“ oder „Weiß“. Die einen setzten auf Substanzaktien – Value heißt übersetzt Substanz –, auf Unternehmen mit eher langweiligem, aber sehr stabilem Geschäftsmodell, mit einem Wettbewerbsvorteil und mit soliden Gewinnausschüttungen, sprich Dividenden. Diese Value-Aktien kauften sie dann möglichst günstig an der Börse ein – „unterbewertet“ sollten sie sein. Sie wollten (und wollen) weniger für ein Unternehmen zahlen, als es eigentlich wert ist. Superinvestor Warren Buffett ist der bekannteste Vertreter dieser Anlagephilosophie, die sein Lehrmeister, der Columbia-Professor Benjamin Graham, einst schuf.

Die anderen setzen – wie es der Name schon erahnen lässt – auf Wachstum um jeden Preis. Sie setzen auf oft junge, auf jeden Fall dynamische Unternehmen, die stark wachsen, in sehr innovativen Branchen unterwegs sind. Dividenden sind hier eher Mangelware. Gewinne werden reinvestiert, wenn es sie überhaupt schon gibt. Und oft sind diese Unternehmen ganz schön teuer gemessen an ihrer Bilanz. Aber Growth-Investoren interessiert das nicht, sie setzen auf die Zukunft.

Nach der Theorie kommt die Praxis

Soweit die Theorie. In der Praxis ist es ein bisschen komplizierter. Zwar war es viele Jahre relativ einfach: Value-Anleger kauften eher Aktien von langweiligen Unternehmen beispielsweise aus der Pharma-Industrie oder Versorgen. Die Growth-Investoren aber waren früh dabei bei den Highflyern der vergangenen Jahre, kauften Amazon schon, als das Unternehmen nur Miese machte, setzten schon vor Jahren auf die Wende beim in die Krise geratenen Computerbauer Apple, als dieser das iPhone auf den Markt brachte. Während die Value-Anleger hohe Bewertungen – abzulesen in der Regel am Kurs-Gewinn-Verhältnis, aber auch an anderen Kennzahlen – kritisierten und die entsprechenden Aktien mieden, setzten die Growth-Jünger voll auf die Zukunft. Und wurden belohnt! In den vergangenen Jahren lief Growth besser als Value. Das kannst Du beispielsweise am MSCI World Value und dem MSCI World Growth ablesen. Oder an der Entwicklung der diversen Fonds und ETFs, die es auf beide Anlagestile gibt.

Heute sieht die Praxis noch etwas anders aus. Wenn Du in die entsprechenden Indizes und Fonds schaust, wirst Du feststellen, dass manche Aktien in beiden Töpfen sind. Wie kann das sein? Kann eine Aktie gleichzeitig Value und Growth sein? Eigentlich müsste das doch qua Definition unmöglich sein. Aber genau da liegt das Problem! Es gibt nicht wirklich eine allgemein gültige Definition. Jede*r Investor*in schaut auf andere Kennzahlen, setzt andere Schwerpunkte. Selbst Buffett hält mit seiner Investmentholding Berkshire Hathaway Anteile an Apple und Amazon.

Überhaupt hat er die Strategie seines Lehrmeisters weiterentwickelt. Graham war ein sturer Zahlenmensch. Ein Wettbewerbsvorteil oder eine starke Marke interessierten ihn nicht. Er schaute nur darauf, ob eine Aktien unterbewertet war, ob das Unternehmen an der Börse weniger wert war, als es die Bilanz hergab. Warren Buffett sieht das anders. Für ihn zählen eben auch Wettbewerbsvorteil, eine starke Marke und anderes. Außerdem investierte Graham eher kurzfristig. Sobald „der Markt“ die Unterbewertung einer Aktie erkannte und der Kurs in der Folge stieg, verkaufte er. Von Buffett stammt das Zitat Zitat „Kaufe billig und verkaufe nie“.

Growth? Value? Oder doch beides?

Es kommt also darauf an, wie man Value definiert. Streng nach Graham oder eher wie Buffett und andere? Die Standardmodelle gehen von den Kennzahlen geringes Kurs-Buchwert- und Kurs-Gewinn-Verhältnis sowie einer hohen Dividendenrendite aus. Und jetzt wird es ein bisschen unlogisch, aber nur auf den ersten Blick. Denn auch ein Unternehmen mit einem hohen Kurs-Buchwert-, einem hohen Kurs-Gewinn-Verhältnis und einer niedrigen Dividendenrendite kann ein Value-Titel sein. Denn Wachstum ist immer auch eine Komponente von Value. In vielen Fonds und ETFs findest Du deshalb auch die Aktien von Microsoft, die Google-Mutter Alphabet sowie die bereits genannten Titel Apple und Amazon. Natürlich sind das eigentlich Wachstumswerte; Unternehmen die in mega innovativen Branchen unterwegs sind, die unsere Zukunft scheinbar maßgeblich mitgestalten. Wenn Du Dir aber ihre Bilanzen ansiehst, dann erfüllen sie viele wichtige Kriterien, die Buffett und seine Anhänger seit Jahren als Kennzeichen für Value-Aktien genannt haben: starke Marktstellung, hohe Gewinnmargen und geringe Verschuldung beispielsweise.

Und worauf solltest Du nun setzen?

Wie immer bei verschiedenen Anlagestilen laufen mal die klassischen Value-Aktien besser, mal die Wachstumswerte. In den vergangenen Jahren waren es die Technologiewerte, die wirklich gut abschnitten. Und auch in der Corona-Krise haben die klassischen Substanzaktien nicht die erhoffte Ruhe ins Depot gebracht. Das lag auch daran, dass eben gerade die Technologiekonzerne, die uns das Leben im Lockdown leichter gemacht haben, an der Börse am besten abschnitten. Langfristig gehört aber beides ins Depot: die langweiligen Substanzaktien und die spannenden Wachstumsaktien. Und natürlich die Titel, die irgendwie beides sind!

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach der klassischen Definition sind Value-Aktien Substanztitel mit geringem Kurs-Buchwert- und Kurs-Gewinn-Verhältnis sowie einer hohen Dividendenrendite.
  • Growth-Aktien sind Wachstumstitel aus innovativen Branchen, die an der Börse oft höher bewertet sind.
  • Diese klassische Definition gibt es zwar noch heute, doch in Teilen ist sie überholt. Wachstumstitel können auch Value-Aktien sein, beispielsweise Technologiekonzerne. Viele von ihnen haben solide Bilanzen, wachsen aber trotzdem stark.
  • Langfristig gehört beides ins Depot: die langweiligen Substanzaktien und die spannenden Wachstumsaktien. Denn beide Anlagestile liefern in verschiedenen Börsenphasen unterschiedliche Renditen.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.
Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.


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