„Das Elektroauto ist in jeder Hinsicht das bessere Fahrzeug“

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? E-Mobilität, selbstfahrende Autos, Car Sharing – es gibt viele Trends in der Automobilbranche und jede Menge Herausforderungen. Zukunftsforscher Lars Thomsen über Umbrüche im Bereich der Mobilität.

Die Zukunft ist sein Geschäft. Er spürt Trends auf und gibt mitunter unangenehme Prognosen ab. Vieles, was er zum Thema Mobilität sagt, wird die Automobilindustrie ungern hören. Schließlich geht es auch um verschlafene Trends und fehlende Selbstkritik. Fast schon selbstverständlich, dass Lars Thomsen seit Jahren mit einem Elektroauto unterwegs ist. Im Interview mit Jessica Schwarzer räumt der Gründer und Chief Futurist des Think Tanks „future matters“ mit Vorurteilen auf und erklärt, wie die Mobilität der Zukunft aussehen wird. Für Anleger*innen gibt es übrigens durchaus spannende Anlagechancen. Zukunftsforscher Thomsen ist längst investiert.

Jessica Schwarzer: Sie sind Zukunftsforscher, wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

Lars Thomsen: Wir erforschen bei „future matters“ sogenannte Tipping Points, welche innerhalb der kommenden zehn Jahre unsere Arbeit, Mobilität und Gesellschaft verändern werden. Drei Umbrüche sind dabei im Bereich der Mobilität von besonderer Bedeutung: Klimaneutrale Mobilitäts- und Antriebsformen werden zur Norm, autonome Fahrzeuge ermöglichen individuelle Mobilität auf Knopfdruck und elektrisch angetriebene Flugzeuge eröffnen neue Optionen für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen auf Kurz- und Mittelstrecken.

Die Automobilbranche steht vor extremen Veränderungen. Welche Trends gibt es dort?

Die Automobilindustrie hat derzeit gleich mehrere Umbrüche gleichzeitig zu bewältigen: Neben dem Wechsel von Verbrenner-Motoren auf Elektroantriebe ist auch die komplexe Entwicklung von selbstfahrenden Fahrzeugen eine enorme Herausforderung. Beides sind Technologien, für die es bislang wenige Experten und Know-how bei den klassischen Herstellern gab. Zudem kommen neue Anbieter mit attraktiven Produkten auf den Markt, die eher aus der IT-Entwicklung und Batterieforschung kommen und mit wesentlich agileren Entwicklungsprozessen nun die Industrie und den Markt aufmischen.
Zudem stellt sich mittel- bis langfristig ebenfalls die Frage, ob herkömmliche Autos in Zukunft überhaupt in den Metropolen erlaubt sind oder früher oder später durch autonome Flotten ersetzt werden. Dies würde einen enormen Rückgang der Produktion bedeuten, da weniger Autos gekauft würden und die Flottenbetreiber wesentlich bessere Auslastungen der Fahrzeuge erreichen würden.

Welche dieser Trends sind die wichtigsten?

Wenn es die Hersteller nicht innerhalb der kommenden 260 Wochen – also in fünf Jahren – schaffen, den Anteil von attraktiven E-Fahrzeugen drastisch zu erhöhen, dann werden es andere machen. Dazu gehört auch, dass man im Bereich der Batterien umfangreiches Know-how und eigene Fertigungskapazitäten aufbaut, da dies den größten Teil der Wertschöpfung bei E-Autos ausmacht und letztendlich entscheidet, ob man ein wettbewerbsfähiges Produkt bauen kann. Daneben wird die Zukunft bei den Assistenz- und Selbstfahrsystemen gewonnen, die recht bald in der Lage sein werden, den menschlichen Fahrer in den meisten alltäglichen Fahrsituationen zu ersetzen. Auch hier benötigt es Software- und Systemexpertise, welche meist weit über das bisherige Maß bei Autoherstellern hinausgeht. Schließlich müssen die Entwicklungs- und Managementprozesse schneller, agiler und günstiger werden, um mit den neuen Playern mithalten zu können.

Verschläft die deutsche Automobilwirtschaft diese Trends?

Tatsächlich ging es der deutschen Automobilindustrie lange Zeit „zu gut“. Lange Zeit war man der Ansicht, man hätte alle Entwicklungen selbst im Griff und dachte nicht daran, dass neue Hersteller oder andere Industrien den eigenen Markt bedrohen könnten. Solange die Innovationen einer Branche „inkrementell“ sind, reicht es aus, das bestehende Produkt jedes Jahr ein wenig zu verbessern.

Doch bei Umbrüchen – oder Tipping Points, wie Sie es nennen – ändert sich das…

Lange Zeit war man bei den großen deutschen Herstellern der Ansicht, dass Elektromobilität dann kommen würde, wenn sie soweit wären. Doch dann kam Tesla und übernahm weltweit in diesem Zukunftsfeld die Führung. Über viele Jahre redete man sich ein, dass Tesla sicher bald pleite sein würde, aber im Gegenteil: Nun treiben sie die deutsche Automobilindustrie vor sich her – sowohl bei den Innovationen, Marktanteilen und schließlich sogar bei der Bruttomarge pro Fahrzeug.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer dieser Trends?

Generell werden die Gewinner in Zeiten solcher Umbrüche Firmen sein, deren Unternehmensführungen mit Weitsicht und tiefem systemischen Verständnis für Veränderungen und Umbrüche agieren. Auch wenn es fast abgedroschen klingt: Mit Quartalsdenken oder Hoffnung, dass bald alles wieder wie früher sei, kommt man hier nicht weiter. Die Gewinner haben große Teile der Entwicklung, Lieferkette und Produktion selbst im Griff und bauen Batteriezellen, E-Antrieb, Elektronik-Systeme, Software und Selbstfahrcomputer am besten selber, da hier die Margen der Zukunft entstehen. Um zudem gute Selbstfahrsysteme entwickeln zu können, ist eine große Flotte von Fahrzeugen von Vorteil, die jeden Tag in einem gemeinsamen neuronalen Netzwerk „lernt“. Wie in vergangenen Zeiten, in denen es große Disruptionen in einer Industrie durch neue Technologien gab, werden die lernfähigen, neugierigen und veränderungswilligen Menschen und Organisation überleben und gewinnen.

Was muss passieren, damit wir möglichst schnell auf eAutos umsteigen? Braucht es Förderprogramme?

Es würde schon viel bringen, wenn wir uns in der öffentlichen Diskussion objektiver mit Elektroautos auseinandersetzten würden. Jeden Tag höre und lese ich von Mythen, dass E-Autos nicht umweltfreundlich, zu teuer, nicht langstreckentauglich oder nicht alltagstauglich seien. Ich bin dann oft sehr verwundert, denn ich selber fahre seit 2013 ausschließlich elektrisch – und das ohne Probleme. Dabei bin ich ein Vielfahrer mit rund 60.000 km pro Jahr, bei denen ich viele Langstrecken fahren muss. Morgens in Zürich los, mittags in Frankfurt, danach ein kurzer Besuch in Saarbrücken und am Abend wieder nach Hause in Zürich: 1.000 km pro Tag mit einem E-Fahrzeug sind mit der heutigen Ladeinfrastruktur weder ein Problem, noch ist es langsamer als in einem Verbrenner.

Im Gegenteil: An der Ampel hänge ich ohne Aufwand jeden Verbrenner ab, lade meistens umsonst, brauche keine Ölwechsel, kaum Bremsbeläge und die Heizung im Winter spricht nicht nur binnen Sekunden an, sie mindert die Reichweite lang nicht so, wie ich oft von Menschen zu hören bekommen, die noch keine Erfahrung habe. Zuhause habe ich eine Tankstelle (eine Steckdose), so dass ich jeden Morgen vollgetankt losfahre und in mehr als 400.000 km elektrischer Fahrt bin ich nicht einmal liegen geblieben oder hatte Reichweiten-Angst. Das Elektroauto ist in jeder Hinsicht das bessere Fahrzeug – und die derzeit einzige Option, wenn wir den Klimawandel persönlich und als Gesellschaft ernst nehmen und mit erneuerbaren Energien unsere Mobilität gestalten wollen.

Haben Verbrennungsmotoren, unser Benziner, unser Diesel ausgedient?

Ja. Das muss man wohl so deutlich sagen: Der Verbrenner stammt aus dem vorletzten Jahrhundert, ist weder energieeffizient noch kann er mit erneuerbaren Energien fahren. Im direkten Vergleich zu E-Autos sind sie zudem zu teuer, zu wartungsintensiv und nicht wirklich spritzig oder spurtstark. Der Kraftstoff ist zu teuer und klimaschädlich und man muss damit rechnen, dass man damit aufgrund künftiger Fahrverboten gar nicht mehr in alle Städte reinkommt. Ein Kauf eines neuen Verbrenners heute erscheint mir als keine sehr schlaue Investition, denn in fünf Jahren wird man ein solches Fahrzeug wohl kaum noch verkaufen können.

Junge Menschen verzichten immer öfter auf ein eigenes Auto. Ist Car Sharing das Modell der Zukunft?

Car Sharing bekommt in Zukunft eine ganz neue Qualität, wenn wir selbstfahrende Fahrzeuge in circa fünf Jahren in den Städten und Gemeinden haben: Während man ja heute noch zu einem entsprechenden Auto kommen muss, wird dieses dann zu uns kommen und uns abholen – und zudem selber fahren. Es wird sich auch selber zum Laden und Reinigen fahren und sich aus der Stadt zurückziehen, wenn es derzeit in der Flotte innenstädtisch nicht gebraucht wird. Wir sprechen dann nicht mehr von Car Sharing, sondern von „Mobilität auf Knopfdruck“. Sobald es funktioniert, werden nicht nur junge Menschen auf die Anschaffung und damit auch Unterhalt, Versicherung, Parkplatz, Wertverlust eines Autos verzichten, sondern sehr viele Menschen in allen Städten und Gemeinden. Weltweit.

Würden Sie Autoaktien kaufen?

Ja, ich kaufe Autoaktien und Aktien von Innovatoren im Bereich Mobilität und Logistik, da diese Industrie enorme Investitionschancen in den 2020er Jahren bietet. Allerdings sollte man sehr selektiv vorgehen: Die Zukunftsfähigkeit, die Innovationskraft und die Kompetenz des Managements des jeweiligen Unternehmens bilden im Rahmen der hier erläuterten Veränderungen und Umbrüche die für mich wichtigste Grundlage der Kaufentscheidung.

Vielen Dank für das Interview!

Über Lars Thomsen:
Lars Thomsen ist Gründer und Chief Futurist des Think Tanks „future matters“ und gehört zu den weltweit führenden Zukunftsforschern. Er berät zahlreiche Unternehmen, Institutionen und regierungsnahe Stellen bei der Entwicklung von Zukunftsstrategien.

Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer

Journalistin und Börsenexpertin

Jessica Schwarzer ist Autorin für das finanz-heldinnen Magazin und eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Ihre Leidenschaft für die Börse hat die gebürtige Düsseldorferin zum Beruf gemacht. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Sie hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren stark macht.
Darüber hinaus schreibt sie eine wöchentliche Kolumne bei onvista.de, einem der meistbesuchten Finanzportale in Deutschland.

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